Alte Bahngebäude Zug um Zug aufs Abstellgleis

Der Landkreis München ist reich an historischen Bahngebäuden. Jeder Ort aber geht anders mit dem Vermächtnis aus vergangenen Zeiten um. Während in Großhesselohe Bier gebraut wird, verfallen die Häuser in Deisenhofen und Oberschleißheim zusehends

Von K. Bachhuber, L. Frehse, I. Gnau, C. Hertel und I. Hilberth

Am Unterföhringer Bahnhof soll ein mehr als 100 Jahre altes und restauriertes Bahnwärterhäuschen abgerissen werden, um Platz für die neue Ortsmitte zu schaffen. Ob das Zindlerhaus erhaltenswert ist oder nicht - darüber gehen die Meinungen im Ort auseinander. Manch einer findet, das Gebäude sei schließlich nicht mit historischen Bahnhöfen in anderen Gemeinden vergleichbar. Tatsächlich gibt es insbesondere entlang der alten Bahnstrecken im Landkreis einige solcher architektonischer Schmuckstücke, die unter Denkmalschutz stehen oder als ortsprägend gelten. Als klassische Bahnhofsgebäude dienen die wenigsten noch. Sie werden ganz unterschiedlich genutzt.

Großhesselohe

Es ist schon ein wundersames Phänomen: Dort, wo alles im Fluss ist, lässt es sich manchmal besonders gut entspannen. Man setzt sich gern mal in einen Park - aber besonders gern an die rauschende Isar. Und wann macht tagträumen mehr Spaß, als auf einer langen Zugfahrt?

Braumeister statt Stationvorsteher arbeiten heute im alten Bahnhof Großhesselhohe. Immerhin: Sie brauen "Stationsweizen".

(Foto: Claus Schunk)

Aber Psst, Geheimtipp: Das mit der Entspannung funktioniert auch am alltäglichen Pendler-Fluss. Man sichere sich dafür einen Fensterplatz im Isartaler Brauhaus, bringe das nötige Kleingeld für ein hausgebrautes Weißbier und eine zünftige Mahlzeit mit, vielleicht ein paar Freunde, sicher aber etwas Zeit. Die Gaststube liegt im historischen Isartalbahnhof gleich neben dem modernen S-Bahnhof Großhesselohe. Der restaurierte Backstein-Bau ist nach Westen hin komplett verglast - und bietet freien Blick auf Gleise und Bahnsteig an der S-Bahnstrecke. Und wenn sich dort ein Schwarm der Wartenden formiert und von piepsenden Türen verschluckt wird, nur damit andere Türen wenig später am Gleis gegenüber einen anderen Schwarm ausspucken, dann hat das vom Zuschauerplatz aus gesehen etwas geradezu Meditatives. Schaut man selbst wirklich auch so griesgrämig auf die Uhr wie die Frau dort, nur weil die Bahn wieder mit einer "Störung im Betriebsablauf" kämpft? Kaum vorstellbar.

Das alte Bahnwärterhaus in Ismaning beherbergt nun Büros.

(Foto: Robert Haas)

Dort, wo heute in glänzenden Kupferkesseln mitten in der Gaststube des Isartalers Bier gebraut wird, warteten 1890 die ersten Reisenden auf die ersten Dampfloks der damals hochmodernen Isartalbahn. Als Prestigeprojekt von Kaiser Wilhelm verband die Eisenbahn entlang der Isar Thalkirchen mit Wolfratshausen und Kochl. Die Haltestellen sind bis heute weitgehend erhalten, wenn auch nicht allerorten noch als Bahnhöfe in Betrieb. In Großhesselohe legte die Deutsche Bahn das historische Gebäude 1970 still, bis Ende der Achtzigerjahre stand es leer. Ein Münchner Notar und ein Architekt kauften den alten Bahnhof schließlich und erfüllten sich hier ihren Traum von einer eigenen Braugaststätte. Den alten Bahnhof mit einer Glasfassade so herzurichten, dass die Gäste dem Verkehr heute zuschauen können, wie einem wogenden Fluss, kostete damals viel Geld. Dafür wurde das "Isarbräu" Kult. Nach einigen Pächterwechseln wird es seit 2013 von Sibylla und Klaus Abenteuer geführt.

Aying

Das Wetter hat an der Hauswand schwarze Spuren hinterlassen und ein paar Jugendliche Kritzeleien mit Filzstift. An das Haus wurde ein braunes Vordach gezimmert, es muss Jahrzehnte her sein, aber es wirkt immer noch wie ein Fremdkörper. Und da, wo früher die Leute anstanden, um am Schalter eine Fahrkarte zu kaufen, steht heute ein Automat mit Schokoriegeln, Gummibärchen und Kaugummis. Das sehen die Fahrgäste, wenn sie in Aying aus der S-Bahn aussteigen. Auf der anderen Seite: eine Holzbank, Blumenkübel, zugeklebte Briefkästen. Nur noch ein Name steht auf dem Klingelschild: Kameter.

Der Bahnhof in der Gemeinde Oberhaching.

(Foto: Angelika Bardehle)

Die Frau, mit vollem Namen heißt sie Marie Anna Kameter, wohnt schon seit 50 Jahren in dem Haus. Ihr Mann arbeitete für die Bahn, so wie alle anderen, die in dem Haus lebten. Doch der Mann ist tot, die anderen fort. Und die Wiese, auf der sie alle grillten, Feste feierten, wo Fußballtrikots im Wind trockneten, ist ein Parkplatz für Pendler. Das Haus, sagt Kameter, sei schon einmal schöner gewesen. Es ärgert sie, wenn die Leute Müll liegen lassen. Früher räumte sie ihn weg, pflanzte Blumen vor das Haus und ihr Mann mähte den Rasen. Aber das geht nicht mehr - Kameter ist Anfang 80. Und der Weg, die Holztreppe rauf und wieder runter, ist beschwerlich geworden. Also beobachtet Kameter die Welt nun von oben, zieht die weißen Vorhänge zur Seite und schaut den Leuten zu, wie sie im Gasthof gegenüber Feste feiern.

Fahrkarten kaufen kann man in Aying schon lange nicht mehr.

(Foto: Angelika Bardehle)

Vor vier Jahren kaufte die Brauerfamilie Inselkammer das Gebäude der Bahn ab, weil sie an der Gestaltung des Ortes mitwirken möchte, wie Franz Inselkammer junior sagt. Er will es wieder herrichten lassen, in den Originalzustand zurückversetzen und wieder beleben - mit Gewerbe und Wohnungen. Maria Anna Kameter glaubt nicht, dass sie das noch erlebt. Aber neue Leute sind schon eingezogen, ganz oben unters Dach, Angestellte des Hotels. Kameter sieht sie kaum. Ein "Grüß Gott" im Treppenhaus, das war's. Das Erdgeschoss aber steht ganz leer. Einsam fühlt sich Kameter trotzdem nicht. Angst hat sie auch keine, allein in dem großen Haus. Früher sei ihr Mann viel unterwegs gewesen, da habe sie sich ja auch nicht gefürchtet. "Am Anfang, als wir nach Aying gezogen sind, habe ich gesagt: ,Hier bleibe ich nicht'." Dann wurden es irgendwie doch mehr als 50 Jahre - und ein Zuhause.

Ismaning

Als Anfang des 20. Jahrhunderts das Eisenbahnnetz rund um die Residenzstadt München auf Geheiß des Prinzregenten Luitpold ausgebaut wurde, hatte Ismaning Glück. Die Verbindung zwischen dem Kraut- und Torfdorf und dem Münchner Ostbahnhof zählte zu den 30 Strecken mit "lokaler Bedeutung", für welche der Regent Geld genehmigte. 1909 feierten die Ismaninger freudig die Einweihung ihres Bahnanschlusses. Dieser brachte Ismaning nicht nur einen wichtigen Weg für den Gütertransport, auch für die Bürger eröffnete die zusätzliche Mobilität neue Wege: zum Arbeitsplatz, Schulbesuch oder für die Erkundung des weiteren Umlands. Gleich neben dem Bahnhof, an der Aschheimer Straße, wurde das Bahnwärterhaus erbaut, als Wohnsitz für den Bahnhofsvorstand und den Fahrdienstleiter mit ihren Familien. "Das war wahrscheinlich das kleinste Doppelhaus Ismanings", erinnert sich Andreas Hobmeier, Geschäftsführer der Gemeinde. Es trägt bis heute im Ort den Namen "Oberhöllerhaus", benannt nach einem langjährigen Bewohner.

Auch der Bahnhof Oberschleißheim steht am Abstellgleis.

(Foto: Robert Haas)

Im Zuge der Modernisierung und Erweiterung der Bahnstrecke nach Norden hin wurde das Bahnwärterhaus als Wohnort obsolet. Die Gemeinde erwarb Grundstück und Haus 1998 von der Bahn. 2011 beschloss der Gemeinderat, das von Schimmel und Holzwurm befallene Bauwerk, das nicht unter Denkmalschutz steht, erhalten zu wollen. Es wurde für rund 300 000 Euro hergerichtet und als Verwaltungsgebäude nutzbar gemacht. Da die gemeindeeigene Geothermie-Gesellschaft damals gerade im Entstehen war, bot sich an, im Oberhöllerhaus deren Büro einzurichten, als zentrumsnahe Anlaufstelle für Kunden und Interessierte, wie Hobmeier sagt. Heute können sich die Ismaninger in dem schmucken Häuschen mit der strahlend gelben Fassade über ihren Energieverbrauch informieren und über ihre Versorgungsmöglichkeiten beraten lassen.

Deisenhofen

Sie haben den Bahnhof von Oberhaching damals mitten auf die grüne Wiese gebaut. Und weil er näher an Deisenhofen als an Oberhaching lag, bekam die Station der Maximilansbahn 1857 die Bezeichnung "Deisenhofen". Bei den Planungen der Bahn soll es noch umstritten gewesen sein, ob ein Bahnhofsgebäude überhaupt notwendig wäre. Man entschied sich doch dazu, allerdings zu einer kleinen Lösung. Dieses Gebäude wurde aber kurz vor der Jahrhundertwende wieder abgerissen, 1896 entstand der heutige dreistöckige Putzbau mit Backsteingliederungen.

8526 Kilometer

lang war das Streckennetz, das die Königlich-Bayerischen Staatseisenbahnen seit ihrer Gründung im Jahr 1844 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs errichtet hatten. Zwischen 1853 und 1860 wurde eine Ost-West-Verbindung von der Grenze zu Baden-Württemberg bei Neu-Ulm über Augsburg und München nach Österreich geschaffen. 1857 wurde der östlichen Teil eröffnet, die Strecke führte bereits damals entlang der Isar, querte den Fluss mit der Großhessehoher Brücke und ging über Holzkirchen nach Rosenheim.

Seit 1860 rollte der Eisenverkehr durch den Bahnhof Deisenhofen, wer von Paris nach Wien fuhr - was damals 40 Stunden lang dauerte - kam hier vorbei. Auch der Orient-Express rollte eine Zeit lang durch Oberhaching. Zur Strecke München - Hesselohe - Deisenhofen - Holzkirchen kam schließlich die Verbindung zum Ostbahnhof. Deisenhofen hatte sich zu einem Ausflugsziel der Münchner entwickelt, Sommerfrischler zog es zur Kugleralm und ins Naturbad Furth; im Winter fuhr man ins Gleißental. Auch die auf Naturheilkunde spezialisierte Amalie Hohenester lockte im 19. Jahrhundert viele Münchner an. Sie wurde zwar wegen "Kurpfuscherei" bestraft, ihre Praxis in Deisenhofen lief aber außerordentlich gut. Kein Wunder also, dass das Bahnhofsgebäude im Erdgeschoss eine große Gepäckhalle besitzt.

Heute steht das Gebäude teilweise leer und unter Denkmalschutz. Seit 20 Jahren wird der Saal mit der verspielten Bauweise, der schweren Holztür, den verschnörkeltem Gitter vor den Scheiben und dem Fischgrätenparkett nicht mehr genutzt. Die Gemeinde hätte schon einige Ideen, was sich daraus machen ließe. Ein Shop oder ein Café, vielleicht auch ein Veranstaltungsraum oder eine Galerie. Immerhin hat sie das Bahnhofsgebäude 2014 für 400 000 Euro der Bahn abgekauft. Passiert ist seither damit noch nichts. Noch nicht einmal die Toiletten, die die Gemeinde dringend einrichten wollte, sind gebaut worden. "Das ist nicht ganz einfach", gibt Kämmerer Paul Fröhlich zu. Denn solange im Obergeschoss ehemalige Bahnangestellte wohnen, die die Räume immerhin seit 1960 gemietet haben, kann die Gemeinde nicht mit Umbaumaßnahmen loslegen. Hinzu kommt im Erdgeschoss ein Schaltraum für die Signal-Anlage, die einen anderen Platz bekommen müsste, und ein Übernachtungszimmer für den S-Bahnfahrer. Eine Bestandsaufnahmen sei gemacht, bei der Bahn liefen Anfragen wegen einer Verlegung der Technik. Einfach nur Klos zu bauen, mache keinen Sinn, so Fröhlich, "es soll dann der große Wurf werden".

Oberschleißheim

Bei der Gleiserschließung der Strecke München - Regensburg für die Königlich-Bayerische Ostbahn wurde bereits im Jahr 1858 auch die Bahnstation Schleißheim eröffnet. Nur 23 Jahre nach der ersten Eisenbahnfahrt auf deutschem Boden von Nürnberg nach Fürth gehörte der Bahnhof damit zu den ältesten Haltestellen in Altbayern. Geschichte schrieb der Bahnhof Schleißheim aber erst 1898, als er bei einem Streckenausbau komplett mit Dach und Fundament auf ein Verschiebegestell gesetzt und um sechs Meter nach Osten verrückt wurde. So wurde Platz für zusätzliche Gleise geschaffen. Der Verein, der sich heute um den Erhalt des Kleinods bemüht, nennt sich nach dieser kuriosen Episode "Verrückter Alter Bahnhof Oberschleißheim", kurz "Vabosh".

Mit dem Aufbau des Flugplatzes Schleißheim von 1912 an wurde der Bahnhof zum Drehkreuz der bayerischen Luftwaffe, die im Ersten Weltkrieg in Schleißheim ihren Stützpunkt hatte. Die Flugzeuge hatten damals noch keine ausreichenden Kapazitäten, um an die Front zu fliegen, sodass sie mit der Bahn zu ihren Einsätzen transportiert werden mussten. Einer der Begleiter dieser Fronttransporte war in den Kriegsjahren der später weltberühmte Künstler Paul Klee, der am Flugplatz Schleißheim seinen Kriegsdienst leistete.

In der zivilen Nutzung war der Bahnhof ohnehin überdurchschnittlich frequentiert von Künstlern und Literaten, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert aus München kamen, um die Schleißheimer Schlösser mit ihrer Gemäldegalerie und dem populären Biergarten zu besuchen oder selbst zu malen. Bis 1972 wurde der historische Bahnhof 114 Jahre lang genutzt, ehe er mit der Eröffnung der S-Bahn von einem neuen Halt einige hundert Meter weiter östlich abgelöst wurde. Anfangs noch von immer wieder wechselnden Mietern als Werkstatt, Lager oder Schuppen genutzt, verfällt das Gebäude zusehends. Seit Jahren versucht eine private Initiative, die sich 2014 als Verein formierte, den Verfall zu stoppen. Zu einem Verkauf hat sich die Deutsche Bahn noch nicht durchringen können. Auch die Gemeinde hat auf Initiative von "Vabosh" einen möglichen Ankauf auf der Agenda. Vision des Vereins wäre eine kulturelle Nutzung mit Café, Ausstellungs- und Vortragsräumen und einem kleinen Heimatmuseum.