LandwirtschaftFrüher war die Kornblume noch der Feind Nummer eins

Lesezeit: 4 Min.

Landwirte und Wissenschaftler erklären, wie Ackerbau und Wildkräuter sich zusammenbringen lassen. In dieser Aufnahme vom Juni des vergangenen Jahres zeigt Biologin Marion Rasp Wildkräuter wie Feld-Rittersporn oder Frauenspiegel.
Landwirte und Wissenschaftler erklären, wie Ackerbau und Wildkräuter sich zusammenbringen lassen. In dieser Aufnahme vom Juni des vergangenen Jahres zeigt Biologin Marion Rasp Wildkräuter wie Feld-Rittersporn oder Frauenspiegel. Stephan Rumpf
  • Ein Projekt im Landkreis München motiviert Landwirte, Ackerwildkräuter auf ihren Feldern wachsen zu lassen, um Artenschutz und Landwirtschaft zu vereinen.
  • Mehr als die Hälfte aller Ackerwildkrautarten in Bayern steht vor dem Aussterben, weil Flächen überbaut werden und intensive Landwirtschaft sie verdrängt.
  • Ackerwildkräuter gedeihen besonders auf schlechten Böden mit geringem Ertrag und bieten Insekten Nahrung sowie Schutz vor Bodenerosion.
Von der Redaktion überprüft

Dieser Text wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Mehr als die Hälfte aller Ackerwildkräuter in Bayern steht vor dem Aussterben. Ein Projekt im Landkreis München motiviert Landwirte,   sie auf ihren Feldern wachsen zu lassen, um Artenschutz und Landwirtschaft zu vereinen.

Von Irmengard Gnau, Planegg

Ein Frühsommerabend gleich hinter dem Gewerbegebiet Steinkirchen in Planegg: Einige Hundert Meter führt der Fußweg zwischen Bäumen hindurch, dann öffnet sich der Blick auf das Kornfeld. Die noch grünen Ähren glänzen bläulich in der Abendsonne. Zwischen den Halmen strecken rote Mohnblumen ihre Köpfe nach oben. Weiße Kamille, blaue Kornblumen und gelber Ackerhahnenfuß mischen ihre Blüten in die prächtige Farbpalette. Ein Anblick, bei dem Naturschützer und Passanten unweigerlich stehen bleiben. Auch Landwirt Christian Stark schaut sichtlich erfreut auf sein Werk.

Vor vier Jahren hat er die Bewirtschaftung dieser Fläche für die Gemeinde Planegg im Würmtal südwestlich von München übernommen. Damals war sie wenig ansehnlich, von Unkraut überwuchert. Stark ackerte das Feld um, setzte Klee, Hafer, ließ danach seine Ziegen die Stoppeln abfressen. Nach mehreren Fruchtfolgen begann er, Getreide zu setzen. Bewusst verzichtet er auf einen intensiven Maschineneinsatz und setzt bei der Aussaat auf besondere Sorten; 2025 stand ein Backweizen auf dem Feld. Zusätzlich hat sich Stark entschieden, auf seinem Acker auch Wildkräutern Platz zu geben.

Sogenannte Ackerwildkräuter sind krautige, meist einjährige Pflanzen und Gräser, deren natürlicher Lebensraum Äcker sind. „Auf Wiesen sind diese Wildkräuter nicht zu finden, sie sind darauf angewiesen, dass der Acker regelmäßig umgebrochen wird, weil sie sich gegen stärkere Konkurrenz nicht durchsetzen können“, erklärt Marion Rasp. Die Biologin leitet bei der Bayerischen Kulturlandstiftung das Projekt „Naturvielfalt leben im Landkreis München“, das das Landratsamt München und die Bayerische KulturLandStiftung 2023 gemeinsam ins Leben gerufen haben. Das Bundesprojekt, das bis Ende 2028 läuft, soll Landwirte der Region dazu ermutigen, aktiv etwas für den Artenschutz zu tun – indem sie Ackerwildkräuter auf ihren Feldern zulassen und fördern. Das Projektteam berät und unterstützt die Landwirte dabei, etwa mit Saatgut, aber auch mit Fördergeldern.

Es geht dabei um die große Frage: Wie lassen sich Landwirtschaft und Artenschutz gelingend vereinen? Der Mensch möchte möglichst ertragreich Nahrungsmittel anbauen. Doch auch die Natur braucht ihren Raum. Für die Natur haben Ackerwildkräuter eine herausragende Bedeutung: Ihre Pollen und ihr Nektar bieten Insekten wie Wildbienen, Hummeln oder Nachtfaltern Nahrung. Angesichts des dramatischen Rückgangs an Insekten im vergangenen Jahrzehnt ist in der Politik das Bewusstsein dafür gewachsen, wie wichtig Insekten als Bestäuber auch für Kulturpflanzen sind, zudem als Nahrung für Feldvögel, die wiederum Schädlinge fressen.

Außerdem sorgt das dichte Wurzelwerk der Wildkräuter dafür, dass der Ackerboden besser durchlüftet und vor Erosion geschützt ist. Was später abstirbt, wird zu Humus und trägt erneut zur Bodenfruchtbarkeit bei. Ackerwildkräuter haben also – neben ihrem Beitrag zu einer malerisch schönen Landschaft – durchaus einen Nutzen für die Landwirtschaft. Das kann Marco Zehner bestätigen. Der Agraringenieur arbeitet für die Seidlhof-Stiftung in Gräfelfing, die seit ihrer Gründung vor 20 Jahren unter anderem Flächen am Neunerberg nach ökologischen Prinzipien bewirtschaftet.

Es ist noch nicht lange her, da wurden Kornblumen auf den Äckern gnadenlos niedergespritzt. Das Bild stammt aus dem Juni des vergangenen Jahres.
Es ist noch nicht lange her, da wurden Kornblumen auf den Äckern gnadenlos niedergespritzt. Das Bild stammt aus dem Juni des vergangenen Jahres. Stephan Rumpf

„Als ich 1982 Landwirt gelernt habe, war die Kornblume noch der Feind Nummer Eins, die wurde niedergespritzt“, sagt Zehner. Schon während seiner Ausbildung, später noch bestärkt durch seine Eindrücke bei Landwirten in Afrika, wuchs in ihm die Überzeugung, dass Landwirtschaft auch ohne den Einsatz von Pestiziden funktionieren kann. Heute blickt Zehner versöhnt auf die Kornblumen, wenn diese zwischen Winternacktgerste und altem Kulturweizen auf seinem Feld hervorspitzen. Mit dem Mähbalken verhindert der Landwirt schonend, dass das Wildkraut das Getreide überwuchert. Viele Ackerwildkrautarten sind im Verhältnis zu den angesetzten Kulturpflanzen ohnehin so schwach, dass sie deren Ertrag kaum mindern.

Mit diesen Argumenten wollen die Projektverantwortlichen die Landwirte von ihrer Sache überzeugen. „Die Herausforderung ist, ein Gleichgewicht zu finden“, sagt Biologin Rasp. „Wir wollen selten gewordene Arten fördern, dabei sollen konkurrenzstarke Arten aber nicht die Überhand gewinnen.“ Unkraut soll nicht einfach alles überwuchern. Christian Starks Feld in Planegg und der Neunerberg, wie auch die Felder des Bio-Landwirts Albert Brandmair in Ismaning sind Beispiele dafür, wie dies gelingen kann.

Zum Projekt „Naturvielfalt leben im Landkreis München“ zählt außerdem eine Bestandsaufnahme. In den vergangenen Monaten haben Biologinnen und Biologen ausgewählte Ackerflächen in der Region kartiert, also nach den vorkommenden Pflanzenarten abgesucht, um einschätzen zu können, wo eine Wiederansiedlung Sinn macht, wo das Projekt fruchten könnte. Jetzt liegt das Ergebnis vor. Es weist in zwei Richtungen.

Landwirt Marco Zehner führt seinen vielfältigen Ackerbau  (Archivbild) vor.
Landwirt Marco Zehner führt seinen vielfältigen Ackerbau  (Archivbild) vor. Stephan Rump

Einerseits mahnen die Ergebnisse dazu, schleunigst etwas zu unternehmen. „Wenn wir die seltenen Arten noch retten wollen, ist es höchste Eisenbahn“, sagt Biologin Rasp. In Bayern steht inzwischen mehr als die Hälfte aller Ackerwildkrautarten vor dem Aussterben oder ist auf die sogenannte Vorwarnliste gesetzt worden. Einerseits, weil landwirtschaftliche Flächen häufig überbaut werden und verschwinden, andererseits weil landwirtschaftliche Methoden heute besonders effizient sind. Das Saatgut ist viel reiner als einst, selten kann sich der nicht erwünschte Samen eines Beikrauts mal unter das Getreide mischen. Hinzu kommt, dass die meisten Felder viel intensiver bewirtschaftet werden als früher.

Andererseits macht das Ergebnis der Kartierung Hoffnung. „Auf Äckern sind mehr wilde Arten zu finden als gedacht“, sagt Susanne May, die mit Benjamin Ungar beim Landratsamt München das Projekt verantwortet. Wildkräuter entdeckten die Kartierer vor allem auf Feldern, die nach Bio-Standards bewirtschaftet werden, aber auch am Rande von konventionell bewirtschafteten Äckern. „Es gibt noch seltene Schätze“, fasst Unger zusammen. „Aber sie kommen nur noch in Randbereichen vor.“

Wo die Experten Ackerwildkräuter entdeckt haben, wollen sie die Bewirtschafter auf ihr Projekt aufmerksam machen und motivieren, sich im Frühjahr vielleicht für eine Teilnahme zu entscheiden. Das Charmante daran für die Landwirte: Ackerwildkräuter wachsen besonders gern auf eher schlechten Böden. Sie sind nicht sehr durchsetzungsfähig, daher suchen sie sich gezielt Standorte, wo die angebauten Kulturpflanzen – etwa das Getreide – und andere Beikräuter nicht optimal gedeihen. Solche Bereiche bringen also für die Landwirte meist ohnehin wenig Ertrag. Warum also nicht dort etwas für die Artenvielfalt tun, wo es kaum weh tut, und dafür eine Förderung erhalten?

Um die Ackerwildkräuter auf das Feld aufzunehmen, empfiehlt Rasp, die Reihen lockerer zu pflanzen oder Saatlücken wie Lichtstreifen im Feld anzulegen. Außerdem sollte möglichst wenig gedüngt und gestriegelt und auf das Kalken verzichtet werden. „Es ist nicht für jeden Landwirt und jeden Acker etwas, aber es kann sich lohnen“, sagt die Biologin.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Umwelt- und Natur
:Warum die Würm wieder sauber ist

Noch vor 20 Jahren durfte niemand in der Würm baden, weil sie mit Fäkalkeimen verunreinigt war. Heute führt der Fluss sauberstes Wasser. Denn das dort eingeleitete Abwasser wird in der Kläranlage mit UV-Licht desinfiziert.

SZ PlusVon Annette Jäger

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: