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Abitur 2021:Ohne Test zur Prüfung

Abi 2021 Prünfungsräumlichkeiten

Die Tische stehen in 2,50 Meter Abstand, die beaufstichtigenden Lehrer sitzen hinter Spuckschutzwänden.

(Foto: Catherina Hess)

Das Abitur unter Pandemie-Bedingungen stellt Gymnasiasten wie Lehrer auf eine harte Probe. Im Werner-Heisenberg-Gymnasium in Garching sind Spuckschutzwände aufgestellt und es gibt eigene Räume für Quarantäne-Schüler. Nur eines fehlt: die Pflicht zum Nasen-Rachen-Abstrich.

Von Sabine Wejsada, Garching

Wenn an diesem Montag um kurz vor acht die Schülerinnen und Schüler der Q12 nervös das Werner-Heisenberg-Gymnasiums in Garching betreten, dann hat Armin Eifertinger wahrscheinlich schon den fünften Kaffee getrunken. Der Schulleiter wird die Tür zu seinem Büro im ersten Stock bereits um 4.30 Uhr aufgeschlossen haben und die Aufgaben im Fach Geschichte für die Abibac-Absolventen - also die jungen Leute, die zur deutschen Hochschulreife auch noch die französische ablegen - aus dem Tresor geholt und zusammen mit seinem Team aus der Schulleitung unter die Lupe genommen. Gut möglich, dass die zuständigen Lehrerinnen und Lehrer beim Anblick der Papiere sich noch den einen oder anderen Gedanken gemacht und sich gefragt haben, ob es ihre Schützlinge, die sie in den vergangenen zwei Jahren auf dem Weg zum französischen Abitur begleitet und motiviert haben, gut hinkriegen werden, in einer der Turnhallen oder dem Tischtennisraum und all den anderen Räumen, die am Ende der Vorwoche für die Prüfungen hergerichtet worden sind.

Am 10. Mai startet am Garchinger WHG die Reifeprüfung mit dem Abibac. Und wie schon 2020, dem ersten Corona-Jahr, werden die jungen Frauen und Männer auch heuer wieder ihre über Wohl und Wehe des künftigen Lebensweges entscheidenden Klausuren unter Sonderbedingungen ablegen. Mit Maske. Mit Abstand. Mit der Pandemie im Nacken. Und hoffentlich mit Pädagogen, die ihnen beistehen - so wie sie es im besten Fall in den vergangenen Monaten getan haben. Corona hat allen alles abverlangt.

„Wenn alles rum ist, gibt es viel zu feiern“

Leonhard Thume, 17, München-Freimann: Ich starte am Mittwoch mit Deutsch. Dass wir unsere Prüfungen mit Maske schreiben müssen, ist schon seltsam. Aber irgendwie sind wir das seit vergangenem September ja auch schon gewöhnt. Ich denke, ich werde klarkommen. Die Vorbereitungen aufs Abi sind wegen der Pandemie natürlich ganz anders gelaufen als bei unseren Vorvorgängern. Wobei ich sagen muss, dass wir mit dem Distanzunterricht bei uns am WHG relativ Glück hatten. Leider war ich aber auch von der Quarantäne betroffen. Das war eine ganz blöde Zeit, da ging gar nichts außer Lernen. Zum Glück ist das wieder vorbei. Weil wir wegen Corona weniger Klausuren geschrieben haben, gab es in der vergangenen Woche ein Probe-Abitur in Mathe für die Prüfung am 18. Mai. Ist erstaunlich gut gelaufen. Jetzt wünsche ich mir, dass das fürs dritte schriftliche Fach, in meinem Fall Chemie, auch gilt. Und dass nach dem Kolloquium in Englisch und Reli im Juni vielleicht doch eine Abi-Feier möglich ist."

Elena Wang, 17, Unterföhring: "Die Vorbereitung aufs Abitur hat für mich gut gepasst. Ich bin ohnehin jemand, der eher selbständig lernt, deswegen war es für mich nicht so schlimm, dass es wegen Corona keine Lerngruppen gab. Natürlich weiß ich auch von anderen, für die es nicht so einfach war. Das Distanzlernen aber habe ich schon als ein bisschen stressig empfunden, allein vom Pensum her. In der Schule gibt es dann doch ab und zu kleine Pausen, in denen auch die Lehrer über etwas anderes reden. Vom Stoff her habe ich es durchaus als anstrengend empfunden. In der Quarantäne haben die Lehrer viel Rücksicht auf uns genommen, das war gut. Jetzt versuche ich, mich nicht mehr verrückt zu machen, wird schon werden. Dass wir eine Maske tragen müssen, finde ich nicht so schlimm. Wir haben deswegen ja einen Zeitzuschlag bei den Klausuren. Ich starte am Mittwoch mit Deutsch, dann kommt Mathe und als drittes Fach mache ich Englisch. Mündlich kommen dann Wirtschaft und Chemie. Und wenn alles rum ist, gibt es hoffentlich viel zu feiern. Nicht nur das Abi, auch Geburtstage müssen nachgeholt werden. Es sind viele 18 Jahre alt geworden, wegen Corona leider ohne Party."

Helmut Voges, 17, Ismaning: "Ich finde, für uns sind die Bedingungen bis zum Abitur erschwert gewesen. Wenn man daheim lernen muss, dann ist es gar nicht so einfach, genügend Motivation zu finden. Ich fand es manchmal ziemlich anstrengend, ganz allein zu lernen. Es ist nett, dass das Kultusministerium ein paar Themen aus dem Lehrplan gestrichen hat, das hat geholfen. Richtig arg war es, als wir in Quarantäne mussten. Ich denke, in der Schule hätte ich mehr geschafft als zu Hause. Aber was soll's?! Mitgefangen, mitgehangen, da mussten ja fast alle durch. Alles in allem ist die Vorbereitung aufs Abi aber größtenteils gut gelaufen. Mit der Maske komme ich klar. Nach dem Abi werde ich mich hoffentlich wieder mit Freunden treffen können und danach suche ich mir eine Stelle im Rechts der Isar, wo ich über das TUM-Kolleg schon gewesen bin. Was im medizinischen Bereich studieren will ich auch."

Katja Weidendorfer, 17, Garching: "Ich habe noch nicht wirklich realisiert, dass das Abitur schon so nah ist. Doch jetzt geht's los. Ich fühle mich recht gut vorbereitet für Deutsch, für Mathe habe ich viel geübt, nur für Latein, mein drittes schriftliches Fach, muss ich noch einiges tun. Vor allem Auswendiglernen. Wie gut das klappt, ist bei mir auch ein bisschen von der Tagesform abhängig. Wird schon werden. Die mündlichen Prüfungen nach Pfingsten mache ich in Religion und Physik. Was ich studieren will, weiß ich auch schon: Maschinenbau, für August habe ich mir ein Praktikum organisiert. Ich finde, die Lehrer haben es recht gut gemacht für uns. Ich hatte das Gefühl, dass die Q12 durchgehend oberste Priorität hatte am WHG, auch dann, als wir in Quarantäne waren. Was mir und wohl auch allen anderen gefehlt hat, ist der persönliche Austausch. Leute treffen, ratschen, gemeinsame Pausen. Wenn man allein zu Hause sitzt, bekommt man von den anderen wenig mit. Das ändert sich hoffentlich bald wieder."

Protokolle: Sabine Wejsada

Insgesamt 130 Zwölfklässler des WHG und weitere 20 Externe aus der Rudolf-Steiner-Schule im Nachbarort Ismaning treten zum Abitur in den Räumen des Garchinger Gymnasiums an. Nach den frankophilen Schülerinnen und Schülern am Montag heißt es für die gut 35 000 Abiturienten in Bayern am Mittwoch, 12. Mai, ab zur schriftlichen Prüfung in Deutsch. Die Woche darauf, am Dienstag, 18. Mai, steht Mathe an - und an diesem Tag wird der Garchinger Schulleiter Armin Eifertinger bereits um 3.30 Uhr im WHG sein. Schließlich müssen die zuständigen Zahlen-Genies aus dem Kollegium die zentral gestellten Aufgaben durchrechnen. Am Freitag, 21. Mai, folgt dann das dritte Abiturprüfungsfach in schriftlicher Form. Das Kolloquium, also die zwei Fächer, in denen die Absolventen der bayerischen Gymnasien mündlich getestet werden, finden erst nach den Pfingstferien im Juni statt.

Apropos testen: Anders als für den Schulbesuch in Präsenz, der in den vergangenen Wochen angesichts hoher Inzidenzen den vierten Klassen der Grundschulen und allen Abschlussklassen vorbehalten und nur mit drei negativen Abstrichen in der Woche möglich gewesen ist, gilt für die Abiturienten so kurz vor dem Ziel keine Plicht mehr, sich ein Stäbchen in die Nase zu schieben. Die Teilnahme am Abitur ist ohne negatives Ergebnis möglich.

Wer sich testen lassen will, kann das trotzdem. Entweder vor Beginn der Prüfungen in der Schule oder mit einem andernorts erfolgten Schnelltest. Auch Abiturienten, die sich als Kontaktpersonen in Quarantäne befinden, dürfen am Abitur teilnehmen, wie Oberstudiendirektor Eifertinger berichtet. Nur die "Positiven", also all jene, die sich nachweislich mit dem Coronavirus angesteckt haben, bleiben außen vor. Für sie gibt es zentral festgelegte Nachholtermine. Dass einige der Garchinger Absolventen keinen Schnelltest machen wollen, ist schon zu verstehen. Schließlich würde der etwaige Nachweis einer Infektion bedeuten, sofort wieder nach Hause geschickt zu werden. Das gilt auch bei einem falsch positiven Abstrich.

Für Eifertinger und sein Kollegium bedeutet das freilich einen großen organisatorischen Aufwand, denn für alle Gruppen müssen eigene Räume hergerichtet werden, in denen die Tische in einem Abstand von 2,50 Metern stehen, wo es Spuckwände für die beaufsichtigten Lehrer gibt. In Garching wird das Abitur in den drei Turnhallen und im Tischtennisraum sowie weiteren großzügigen Zimmern geschrieben. So werden während der Prüfungen die Ungetesteten gemeinsam über den Aufgaben sitzen, ebenso wie die Getesteten und all jene mit Quarantäne. Gleiches gilt für Schüler, die aufgrund eines ärztlichen Attestes von der Maskenpflicht befreit sind, und für die Externen von der Rudolf-Steiner-Schule in Ismaning.

Dass alles klappt, da ist Eifertinger zuversichtlich. Immerhin hat es im vergangenen Jahr bereits ein Abitur unter Corona-Bedingungen gegeben. Das allerdings, so berichtet der Schulleiter, habe nicht ganz so viel Aufwand bedeutet. "Ich denke, wir sind für alle Eventualitäten gerüstet", sagt er. Dabei hat es kurz vor dem Ziel noch einmal eine rechte Aufregung gegeben, als gut die Hälfte der Q12 wegen Corona-Fällen ins Quarantäne geschickt werden hat müssen.

Nervosität dürften in den Tagen bis zu dem Pfingstferien nicht nur die Hauptfiguren, also die Schüler, verspüren, sondern auch er und seine Kollegen, wie Eifertinger einräumt. Die besonderen Umstände der Corona-Pandemie für den aktuellen Abiturjahrgang, der ja schon 2020 als Q11 Distanz- und Wechselunterricht oder abgespeckte Klausuren hinter sich hat bringen müssen, habe alle zusammen geschweißt, so der Oberstudiendirektor. Die Betreuung der jungen Leute sei freilich eine ganz andere gewesen als zuvor. Der Weg zum Abitur sei flankiert gewesen von "immer offenen Türen und erheblicher Kommunikation". Der Garchinger Schulleiter hofft nun, dass es ihm und seinen Kollegen gelungen ist, den Abiturienten "Ruhe und Routine" zu vermitteln. Die Prüfungsergebnisse werden es zeigen.

© SZ vom 10.05.2021/hilb
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