Landkreis Erding:Sensibilität und Empathie

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Die beiden Tassilo-Preisträger aus dem Landkreis Erding machen zwar sehr unterschiedliche Dinge. Doch in ihrer Herangehensweise setzen sie auf die gleichen Werte.

In diesem Jahr sind gleich zwei Tassilo-Kulturpreise an Kulturschaffende aus dem Landkreis Erding gegangen. Für Hans Prockl und Giulio Salvati war der Abend der Preisverleihung im Münchner Künstlerhaus am Lenbachplatz dabei die erste persönliche Begegnung. Mit der Arbeit des jeweils anderen konnten sie sich jedoch im Internet vertraut machen. Und das können auch alle anderen. Hans Prockl hat einen leicht zu findenden Youtube-Kanal, den er mit seinen wunderbaren Filmen und Interviews bestückt hat. Giulio Salvati präsentiert die Ergebnisse seiner historischen Forschungen auf der Seite www.geschichte-erding.de, die ebenso wie Prockls Kanal stetig wächst. Bei beiden lohnt nicht nur der einmalige Blick, sondern der wiederholte Besuch.

Landkreis Erding: Giulio Salvati ist einer der beiden Tassilo-Preisträger aus Erding.

Giulio Salvati ist einer der beiden Tassilo-Preisträger aus Erding.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Ich muss schon sagen", sagt Hans Prockl über Giulio Salvati, "das ist ein ganz gescheiter Kerl." Damit hat er natürlich recht, auch wenn sich Prockl sonst mit der Beurteilung von anderen Menschen zurückhält. Sein Lob trifft jedoch voll und ganz. Salvatis Arbeit ist nicht nur inhaltlich bemerkenswert, sondern von gesellschaftlicher Relevanz und Wirksamkeit. Das muss einem mit geschichtlichen Themen erst einmal gelingen.

Auch Giulio Salvati ist von Hans Prockl beeindruckt und bringt - sehr klug - genau auf den Punkt, woran das liegt: "Er hat eine unglaubliche Sensibilität und Empathie für die Menschen." Das ist die zentrale Fähigkeit, die Prockls filmischen Arbeiten und seinen zwei bislang erschienenen Bücher tatsächlich außergewöhnlich machen. Prockls großartige Zurückhaltung macht den nicht leicht zu erklärenden Mehrwert für den Betrachter und Leser aus, der sich auf Erzählungen und Berichte von ganz normalen und völlig unbekannten Menschen einlässt. "Er lässt die Leute reden, er interessiert sich für das, was die Leute bewegt", erkennt Salvati. Da sei kein Selbstzweck dabei und auch keine externe Absicht: "Das Schöne ist bei ihm auch, dass sich seine Arbeit jeder Marktlogik entzieht."

Landkreis Erding: Tassilo-Preisträger Hans Prockl im Münchner Künstlerhaus.

Tassilo-Preisträger Hans Prockl im Münchner Künstlerhaus.

(Foto: Stephan Rumpf)

Diese Einschätzungen darf Prockl freuen, denn sie trifft genau seine eigene Einstellung. Seine Aufzeichnungen in Bild und Ton "sind nicht kommerziell verwertbar", darauf legt er Wert und das macht ihn froh. Er ist sich zudem sehr bewusst darüber, dass seine Film- und Tonbandaufzeichnungen nur eine vergängliche Lebensdauer haben werden. Aber was soll es: "Ich bin kein Chronist und kein Archivar." Prockl dokumentiert, produziert aber keine Dokumenten, sondern kleine, faszinierende Kunststücke.

In der historischen Forschungsarbeit von Giulio Salvati spielen archivierte Dokumente eine zentrale Rolle. Er hat zwar auch Zeitzeugen zur Zwangsarbeit oder zur Bombardierung Erding filmisch interviewt. Doch diese Aufzeichnungen stehen nicht allein, wie Prockls "gesprochene Geschichte", sondern sie sind eingeordnet in einem größeren Rahmen und Zusammenhang. Gleichwohl ist Empathie auch für Salvati ein zentraler Aspekt. Und das in mehrfacher Hinsicht. Er hat eine große Gruppe Vergessener zurück in die öffentliche Wahrnehmung geholt. "Wem gilt unsere Empathie?", diese Frage hat Salvati sich und den Menschen im Landkreis Erding gestellt. Er hat das mit Klarheit und mit einfachen Mitteln gemacht. Das Imponierende an Salvatis Ansatz ist auch die Beteiligung von interessierten Laien, die die banalen, bürokratischen Zwangsarbeiter-Karteikarten in die Hand genommen und die Daten darauf abgetippt haben. Im Umgang mit den Karteikarten traten sie nach mehr als 75 Jahren in einen erstaunlich nahen Bezug zu Personen und Schicksalen, die ihnen zuvor sehr fern waren.

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