Landgericht München:"Ich bin a alte Frau, was soll der Schmarrn!"

Raubüberfall auf Juwelierladen "F.C. Bauer" in München, 2017

Nur Minuten dauerte der Überfall auf dieses Juweliergeschäft in Harlaching am 5. April 2017. Nun steht ein mutmaßlicher Täter vor Gericht.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Im Prozess um einen Überfall auf ein Juweliergeschäft in Harlaching hat die 82-jährige Karola Bauer vor dem Landgericht München ausgesagt.
  • Die Seniorin gründete das Geschäft, das heute ihr Sohn führt, vor 62 Jahren mit ihrem Mann.
  • Sie war während des Überfalls im Laden und versuchte, die Räuber zu vertreiben.

Aus dem Gericht von Susi Wimmer

Wie würde man selbst bei einem Raubüberfall reagieren? Wenn maskierte Männer in einen Laden stürmen, mit Pistolen bewaffnet, allen Anwesenden Tränengas in die Augen sprühen und sie zu Boden zwingen? Vermutlich nicht so wie Karola Bauer. Die Münchner Geschäftsfrau sprang wieder auf, schnappte sich einen Basketball, den die Täter skurrilerweise dabei hatten, und knallte ihn einem der Männer an den Kopf.

Und selbst als der Maskierte sie daraufhin mit vorgehaltener Pistole zwang, sich vor ihn auf den Boden zu knien, brüllte sie ihn nur zornig an: "Bist du blöd! Ich bin a alte Frau, was soll der Schmarrn!" Karola Bauer ist 82 Jahre alt.

Am Montag sagte die Seniorin vor dem Landgericht München I im Prozess gegen einen der mutmaßlichen Täter aus, die im April vergangenen Jahres das Juweliergeschäft Bauer in Harlaching blitzartig überfallen und Schmuck und Uhren im Wert von mehr als 300 000 Euro erbeutet hatten.

"Wissen Sie", erzählt die Zeugin später in einer Verhandlungspause, "ich hab nach dem Krieg ganz andere Sachen erlebt." So leicht ist Karola Bauer nicht zu erschüttern. Vor 62 Jahren gründete ihr mittlerweile gestorbener Ehemann das Juweliergeschäft an der Peter-Auzinger-Straße, das sich auf den Verkauf exquisiter Uhren spezialisiert hat. Karola Bauer stand selbst 59 Jahre lang im Laden, den nun der Sohn übernommen hat.

Vor Gericht erscheint sie in weißen Hosen und hellblauem Cardigan, das blonde Haar modern frisiert. Ihre Antworten kommen prompt und pragmatisch. Wie sie am Vormittag des 5. April 2017 den Tumult im Zimmer der Uhrmacher nebenan hörte und plötzlich ein Mann hinter ihr im Laden stand und ihr Pfefferspray ins Gesicht sprühte. "Das brannte nach Wochen noch auf der Haut", sagt sie. Und dass sie eigenhändig nach dem Überfall den Laden geputzt hat.

Insgesamt sieben Angestellte und Kunden erzählen nacheinander vor Gericht, wie sie die zwei Minuten des Überfalls erlebt haben. Fünf Männer zertrümmerten mit Hämmern Vitrinen und Schaufenster, griffen sich an die 120 Uhren sowie Schmuckstücke und verschwanden.

Karola Bauer

Mit einem Basketball versuchte Karola Bauer die Räuber zu vertreiben, wie sie erzählt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Als das kurze Kommando zum Aufbruch ertönte, hatte einer von ihnen gerade die Waffe auf die knieende Karola Bauer gerichtet. Dann drehte er ab. Zur Tatzeit saß eine Schwiegertochter von Franz Beckenbauer gerade im benachbarten Nagelstudio zur Maniküre. Sie sah Männer davonlaufen, konnte vor Gericht aber keine näheren Angaben machen.

Auf der Anklagebank sitzt ein Hüne, der Litauer Artiomas T., ein Kreuz wie ein Bulle, die hervorstehende Stirnpartie verleiht dem Gesicht etwas Finsteres. Durch seinen Anwalt Wilfried Eysell lässt er sagen, dass er nichts sagen wird. Seine DNA wurde am Tatort gefunden und durch einen internationalen Abgleich in der Datenbank in Litauen identifiziert. Zu Komplizen schweigt er. Tatsächlich gleicht das Vorgehen in Harlaching dem der international agierenden Pink-Panther-Gruppe. Auf Nachfrage erklärt Staatsanwalt Laurent Lafleur, dass man auch Zusammenhänge zur organisierten Kriminalität prüfe.

Warum die Bande einen schwarzen Basketball mit roten Nähten dabei hatte, bleibt ein Rätsel. "Vielleicht war das ihre Tarnung, Sporttasche und Ball", mutmaßt Karola Bauer. Eine andere Zeugin kann sich erinnern, den Ball kurz vor dem Überfall gesehen zu haben: Sie ging die Weyarner Straße entlang, direkt um die Ecke liegt das Juweliergeschäft, als sie einen schäbigen Kleinwagen mit fünf Personen, darunter wohl eine Frau, an der Ecke sah. Ein Mann stieg aus, "der war sehr groß". Er streckte sich wie nach einer langen Fahrt und hielt einen schwarzen Basketball in der Hand. Der Prozess dauert an, am Mittwoch soll das Urteil fallen.

© SZ vom 03.07.2018/amm
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