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Landgericht München I:Baumlöwen im Justizpalast

Sachlich in der Arbeit, behaglich in der Innenausstattung: Kahle Wände kommen ihr nicht ins Büro, "da wird man ja depressiv", sagt Andrea Schmidt, Präsidentin des Landgerichts München I. In ihrem Arbeitszimmer hat die Juristin Fotos ihrer Urlaubsreisen aufgehängt: Gorillas in Uganda, eine Felsenlandschaft in Jordanien.

Chefzimmer Andrea Schmidt, Präsidentin des Landgerichts im Justizpalast.

Andrea Schmidt, Präsidentin des Landgerichts München I.

(Foto: Florian Peljak)

Links steht ein Pferd an der Wand. Und auf dem Schreibtisch hockt eine riesige schwarze Spinne mit roten Augen neben einer Schneekugel. Durch das hohe Altbaufenster taucht die gleißende Sonne über den Stachus hinein in ein Büro im Justizpalast, das den Besucher mit Orientteppich, antiken Möbeln, Bildern aus fernen Ländern, jeder Menge Krimskrams und einer wohligen Behaglichkeit empfängt. Beruflich, sagt Andrea Schmidt, sei sie eher nüchtern, wie es sich für eine promovierte Juristin und die Präsidentin des Landgerichts München I eben gehört. Aber kahle Wände kommen ihr nicht ins Büro, "da wird man ja depressiv".

Auf dem Konferenztisch steht ein Teller mit dicken Zimtsternen mit Zuckerguss, weich im Biss und hüstelnd im Abgang, weil die Hausherrin sie mit den Worten "aus der Justizvollzugsanstalt Bayreuth, gebacken von den Häftlingen" kredenzt. Die Frau hat Herz, Humor - und einen Hang zum Hängenbleiben. Nämlich an Andenken, Erinnerungen, an die Zeit mit ihren Töchtern, die gemeinsamen Reisen. Ihr komplettes Büro erzählt diese ganz privaten Geschichten. Andrea Schmidt ist 60 und ein Münchner Kindl. Die meiste Zeit ihres beruflichen Lebens hat sie in ihrer Heimatstadt im Justizpalast verbracht, "einem wunderbaren Bau". Lange Jahre urteilte sie als Richterin am Landgericht in Straf- und Zivilkammern, zuletzt fungierte sie als Ministerialdirigentin und Leiterin des Landesjustizprüfungsamts, ehe sie im September 2018 zur Präsidentin des Landgerichts München I berufen wurde.

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Und im Laufe der Jahre hat sich so einiges angesammelt. Direkt hinter ihrem antiken Schreibtisch steht das sehr persönliche Fotoalbum, das ihre ehemaligen Kollegen ihr zum Abschied geschenkt haben. Darin auch ein Foto von abgekauten Bleistiften, wie sie auch auf ihrem Schreibtisch liegen. Die Juristerei, sagt Schmidt, die fehle ihr heute schon "ein bissl", aber dann tauche doch wieder ein Rechtsproblem auf, das es zu lösen gibt - und dazu Stifte, an den sie während der Problemlösung kauen kann. Organisieren und Verwalten, das seien ihre Hauptaufgaben. Einen Apparat mit gut 500 Leuten, darunter 220 Richter hält Andrea Schmidt am Laufen. Kommunikation, sagt sie, sei das Wichtigste, "man muss mit den Leuten reden". Und Probleme, ins Gespräch zu kommen, hat die Präsidentin sicher nicht. Denn sobald die Leute ihr Büro betreten, ergibt sich Gesprächsstoff aufgrund des Interieurs.

An der Wand neben dem antiken Gemälde von König Max I. Joseph von Bayern ("eine prägende Figur") türmen sich hellblaue Aktendeckel, jede Akte ein Mensch, den die Präsidentin aktuell zu beurteilen hat. Im Turnus von vier Jahren muss sie über die Richter urteilen, dazu geht sie bei jedem einzelnen in die Sitzung. "Nicht unangekündigt, das mag ich nicht." Ebenso, wie sie es nicht mag, dass ihr Vorzimmer ihre Termine organisiert, "darum kümmere ich mich schon selbst". Und ihre Mitarbeiter werden auch nicht in ihr Büro zum Gespräch zitiert, "ich gehe zu den Leuten, da erfährt man mehr".

Wobei es in ihrem Büro sicher mehr zu sehen gibt: Bilder, die Andrea Schmidt selbst fotografiert hat, von Gorillas und Baumlöwen in Uganda, Elefanten in Botswana und atemberaubenden Felslandschaften in Jordanien. Ein "gewisses Fernweh", sagt die zierliche Frau, sei nicht wegzuleugnen. Aber am wichtigsten seien ihr die Bilder ihrer Kinder, die selbstgebastelten Fotokalender, die sich sie jedes Jahr von den erwachsenen Töchtern zu Weihnachten wünscht. Die Justiz, erzählt Schmidt, sei sehr familienfreundlich, sie habe ihre Töchter des öfteren zur Arbeit mitgenommen. Beide studieren jetzt übrigens Jura, Andrea Schmidts Vater war zuletzt Richter am Bundesfinanzhof. Und auch der Ehemann ist Jurist. Während ihrer Schulzeit habe sie mal mit dem Gedanken gespielt, Musik zu studieren, erzählt Schmidt. Sie habe die Idee dann wieder verworfen, "so groß war mein Talent nicht" - aber vor Kurzem habe sie einen Jodelkurs absolviert, "weil das wollt' ich schon immer mal können". Und wie Loriot es schon so treffend formulierte, "da hat man auch was fürs Leben".

Vita

Abitur, Studium, Beruf: Das Leben von Andrea Schmidt, Jahrgang 1959, ist stark auf München fixiert. Im November 1989 begann sie bei der Staatsanwaltschaft München II ihre Arbeit als Staatsanwältin, im November 1990 wurde sie Richterin beim Landgericht München I. Seit September 2018 ist sie Präsidentin des Landgerichts München I - und doch gab es in ihrer Karriere einmal eine München-Pause: Von September 1991 bis Juni 1993 war sie Leiterin des Referats für Gerichtsorganisation beim sächsischen Justizministerium. Über ihre Phase in Sachsen, kurz nach der Wiedervereinigung, sagt sie, es sei eine Zeit des Aufbruchs gewesen. Von den Kollegen dort hat sie zum Abschied einen Zinnbecher bekommen - er steht auch heute noch auf ihrem Schreibtisch. Und auch von den vergangenen Stationen hat sie Erinnerungen mitgenommen, meist Möbelstücke, wie zum Beispiel ihren Schreibtisch. MBR

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