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Blasmusik:Ein Tiroler Marsch wird zum Wiesn-Hit

Tiroler Musikanten von der Speckbacher Schützenkompanie auf dem Wiesn-Trachtenumzug 2018.

Auch die Musikanten von der Speckbacher Schützenkompanie liefen mit ihren Tiroler Trachten 2018 beim Trachtenumzug zur Wiesn mit.

(Foto: Korbinian Eisenberger)

"Dem Land Tirol die Treue" wurde 2017 auf dem Oktoberfest öfter gespielt als "Atemlos" oder "Angels". Was ist das für ein Stück?

Was macht ein Lied zum Wiesn-Hit? Darüber brüten jedes Jahr Komponisten und Produzenten, Musiker, Wiesnfanatiker und Journalisten, mit dem immergleichen Ergebnis: Es lässt sich nicht vorhersagen. In der Rückschau dagegen ist die Analyse leichter. Darum hat die Gesellschaft für musikalische Aufführungsrechte (Gema) nun zum zweiten Mal ihren Datenschatz geöffnet und aufgelistet, welche zehn Lieder im vergangenen Jahr auf der Wiesn am häufigsten von Bands und Kapellen gespielt wurden. Die Top-Liste für 2017 enthält denn auch wenig Überraschendes: Das "Prosit der Gemütlichkeit" steht wie im Vorjahr auf Platz eins, danach folgt "Hulapalu" von Andreas Gabalier. "Atemlos durch die Nacht" ist dabei, auch "Ham Kummst" von Seiler&Speer.

Klar: Ein zufällig ausgewählter australischer Tourist käme wohl nach fünf Minuten im Festzelt zu einem ähnlichen Ergebnis. Aber die Gema liefert zudem die Gewissheit der harten Zahlen. Die Gesellschaft hat das Ranking auf Basis von Hunderten von Repertoirelisten erstellt, die Musikgruppen und Veranstalter standardmäßig einreichen müssen. So ermittelt sie dann, wie viel Tantiemen sie an die Urheber, also die Komponisten und Textdichter ausschütten muss. Es ist schwer nachzuprüfen, ob alle Listen immer zu 100 Prozent korrekt sind. Aber im Großen und Ganzen kann man der ermittelten Rangliste schon vertrauen.

Umso mehr überrascht dann ein Eintrag. Auf Platz drei steht nämlich "Dem Land Tirol die Treue", ein Marsch, komponiert für Blaskapelle. "Du bist das Land, dem ich die Treue halte. Weil du so schön bist, mein Tiroler Land", geht der Refrain. Merkwürdig, man hatte ja gedacht, dass die Wiesn eher Dauerbrennern wie Micki Krause oder Robbie Williams die Treue hält. Aber die Loyalitäten haben sich verschoben: Der Marsch hat laut Gema-Rangliste im vergangenen Jahr unter anderem "Angels" und "Schatzi, schenk mir ein Foto" überholt.

Geschrieben haben "Dem Land Tirol die Treue" zwei Tiroler Brüder in den 1950er Jahren, für ein Volksmusikstück ist es also verhältnismäßig jung. Florian Pedarnig, damals 17 Jahre alt, komponierte die Musik, sein Bruder Josef Pedarnig dichtete den Text. Der besteht neben dem Refrain noch aus zwei Strophen, von denen die erste auffällige Charakteristika Tirols apostrophiert: Berge, Gipfel, Felsen.

Die zweite widmet sich der Trennung von Nord- und Südtirol und lautet: "Ein harter Kampf hat dich entzwei geschlagen, von dir gerissen wurde Südtirol. Die Dolomiten grüßen dich von ferne, in roter Glut zum letzten Lebewohl." Das klingt für heutige Ohren sicherlich etwas ungewöhnlich, geht aber durchaus noch als heimatverbundenes Pathos durch. Zumal in den 50ern, als die Teilung des Landes noch nicht so lange zurücklag.

Die eigentliche Karriere des Stücks begann dann aber erst gut 30 Jahre später, als Florian Pedarnig es 1985 publizierte. Blaskapellen konnten dann die Noten kaufen und das Stück ins Repertoire aufnehmen. Allmählich wurde "Dem Land Tirol" zur inoffiziellen Landeshymne, neben der offiziellen, dem Andreas-Hofer-Lied. Auch Bands passten es an ihre Besetzung an und verbreiteten es immer weiter, auch über Nord- und Südtirol hinaus.

Immer wieder stand es im Zentrum von großen und kleineren Skandalen. Dafür konnten aber die Urheber nichts, beziehungsweise nur indirekt. Denn nach der Stelle "von dir gerissen wurde Südtirol" in der zweiten Strophe ließen sie eine verhängnisvolle Pause im Text stehen. In die rufen dann bis heute Spaßvögel oder Unbedachte zum Beispiel "Gott sei Dank!" hein. So etwa die Tiroler Skirennläuferin Stephanie Venier, die den Text einmal bei einer Siegerehrung mitsang. Wegen der Vergangenheit Tirols ist das heikel, brüskiert man damit ja die Südtiroler, die dem Pass nach Italiener sind, aber sich vielleicht emotional auch Tirol zugehörig fühlen. Nach viel Protest entschuldigte sich Venier darum öffentlich und schrieb: "Mag Südtirol wirklich sehr gern & sogar meine Vorfahren sind aus Südtirol."

Auf der Wiesn sind Politik und Geschichte verblasst

Alternativ passt in die Pause auch ein "Nicht mehr lang!", was eine Loslösung des Landesteils von Italien impliziert. Eine auch im heutigen Südtirol kaum durchsetzbare Forderung.

In München sind diese politischen Bedeutungen verblasst. Auch hier grölen die Gäste gerne irgendetwas in die Lücke, sagt ein Kenner der Musikszene auf dem Oktoberfest, vermutlich aus Feierlaune. Es sei ein sehr schöner Marsch, sagt der Experte. Und es habe auch etwas, wenn die Leute dazu ausflippen. Darum spielten es die Bands. Als Musiker aber höre man sich mit der Zeit ab.

Als normal Feiernder sollte man sich trotzdem nicht wundern, wenn man Einzelnen mit einem unbedachten Mitgrölen auf die Füße tritt, auch wenn es unwahrscheinlich ist. In Tirol muss man schon besser aufpassen. Weil dort so häufig reingegrölt wurde, empfahl der Komponist Florian Pedarnig gegenüber den Südtiroler Dolomiten übrigens einmal, dass der Marsch "bei bestimmten Anlässen nicht mehr gespielt wird". Etwa bei Zeltfesten, wo Akohol getrunken wird. Nun lebt das Stück auf dem größten Zeltfest der Welt, wo der meiste Alkohol getrunken wird, wieder auf.

© SZ.de/bhi/ebri
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