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Laimer Bürgerversammlung:Zeugin aus guten Tagen

In der Laimer Bürgerversammlung wird lautstark Kritik an der Bebauung des Glockengießerei-Areals geübt. Die Stadt plant Wohnraum für Geflüchtete, die Anwohner wollen lieber viel Grün erhalten

Es herrscht große Unruhe rund um die Laimer Mitterhoferstraße 7. Einem Grundstück, auf dem sich wie unter einem Brennglas die Herausforderungen zeigen, der die gesamte Münchner Stadtgesellschaft aktuell ausgesetzt ist: Umgeben von vielstöckigen Wohnzeilen, steht dort eine seit 2017 unter Denkmalschutz stehende Glockengießerei; einzig verbliebene Zeugin eines luftigen, grünen Ensembles samt Fabrikantenvilla, die vergangenes Jahr abgerissen wurde. An dieser Stelle soll reichlich Wohnraum entstehen, im Wesentlichen für Geflüchtete mit humanitärem Bleiberecht. Die Stadt will das Projekt auf dem Boden privater Investoren realisieren. Eine zu massive Verdichtung, die Vernichtung des ohnehin raren Grüns im Quartier - so lauten die Vorhaltungen aus der Nachbarschaft, die den Planern immer lauter entgegenschlagen. Auch wird in Abrede gestellt, ob derzeit überhaupt noch zusätzlicher Bedarf an Einrichtungen für Geflüchtete besteht. Am Dienstagabend ist all das bestimmendes Thema bei der Laimer Bürgerversammlung gewesen, die wohl auch deshalb einen Ansturm erlebte: Die zunächst 333 bereitgestellten Stühle in der Georg-Büchner-Realschule an der Droste-Hülshoff-Straße reichten nicht aus.

"Wir haben hier ein Ensemble, das man zerklopft hat, und ich bin als Bezirksausschuss-Vorsitzender verpflichtet, mich im Sinne der Laimer darum zu kümmern." Josef Mögele (SPD) positioniert sich gleich zu Beginn zum zentralen Thema des Abends in seinem knapp 56 000 Einwohner fassenden Viertel. Allein 13 Anträge stellen Anwohner später dazu - alle werden sie von der Versammlung mehrheitlich angenommen. Auch wenn die Prioritäten der Anliegen variieren, lassen sich daraus doch Kernforderungen destillieren: Alle drei privaten Investoren, unter denen der bis zu einem Erbfall zusammenhängende Grund mittlerweile aufgeteilt ist, sollen mit der Stadt ein Gesamtkonzept für die Fläche entwickeln. Von kompletter Grünanlage bis zur verträglichen Bebauung spreizen sich die Vorstellungen, immer aber soll die historische Glockengießerei Oberascher sichtbar bleiben und in der Maximalforderung zum Glockenmuseum ausgebaut werden. Am besten, so ein Antragsteller, solle die Stadt das Gelände gleich selbst kaufen. Und bevor nicht zweifelsfrei feststehe, dass es in München überhaupt noch Bedarf an neuen Flüchtlingsunterkünften gebe, soll für dieses spezielle Projekt keine Baugenehmigung erteilt werden. Schließlich, so wollen einzelne Anwohner ermittelt haben, hätten etliche dieser städtischen Häuser erhebliche Leerstände.

In der Glockengießerei Oberascher wurde einst das Glockenspiel des Neuen Rathauses gefertigt.

(Foto: Privat)

Die Glockengießerei Oberascher ist das einzige noch erhaltene Werksgebäude einer Glockengießerei des ausgehenden 19. beziehungsweise des 20. Jahrhunderts in Bayern. Dort wurden etliche prominente Klangkörper Münchens hergestellt, darunter das Glockenspiel des neuen Rathauses. Nach massivem Drängen von Bürgern und Stadtviertelpolitikern ist das Anwesen in einem Seitenstrang der Landsberger Straße im Jahr 2017 zum Denkmal erklärt worden. Die dazugehörige Fabrikantenvilla, die im grün arrangierten Ensemble direkt an der Mitterhoferstraße das Entree bildete, konnten die Bürger dagegen nicht vor dem Abriss bewahren

Die Anrainer haben sich inzwischen formiert, kommen regelmäßig zu den Sitzungen des Bezirksausschusses. Zur Bürgerversammlung bringen sie 248 Unterstützer-Unterschriften mit. In den vergangenen Jahren sei um sie herum massiv verdichtet worden, in der Schäufeleinstraße und auch im Bereich Sigl- und Brantstraße, bis vor kurzem noch grüner Auslauf im Laimer Osten, wo neben der schmalen Schrebergartenzeile inzwischen auch veritable Blöcke stehen. "Das ist alles in Masse und Dichte nicht mehr verträglich", empört sich am Mikrofon eine Bürgerin.

Heute steht noch das denkmalgeschützte Werksgebäude, auf dem Grund der alten Fabrikantenvilla soll gebaut werden.

(Foto: Robert Haas)

Der Laimer Bezirksausschuss sieht das ähnlich. Nach wie vor hält man die inzwischen mehrfach überarbeiteten Pläne für die Mitterhoferstraße für zu gewaltig. "Uns war die Nutzungsdichte immer zu hoch, es geht um einen fünf- und einen sechsgeschossigen Neubau, und aktuell hat sich bei der Baumasse nichts Wesentliches verändert", hat unlängst Bezirksausschuss-Mitglied Anette Zöllner (CSU) erklärt.

Bei der Bürgerversammlung spricht Sebastian Ehnes vom Sozialreferat von 28 Wohnungen für sogenannte Resettle-Familien - besondere Härtefälle, die noch in Drittländern säßen und von dort geholt würden. Ehnes: "In München gibt's bislang nur eine Handvoll Wohnungen für diese Gruppe." Dazu kommen 36 kleine Apartments für 18- bis 25-Jährige, die einst als unbegleitete Minderjährige kamen und am Laimer Standort auch eine Berufsausbildung erhalten haben. "Bei uns sind alle Flüchtlingsunterkünfte ausgelastet, und wir sind bemüht, sie - so gut es geht - über die Stadt zu verteilen", sagt Sebastian Ehnes. Aber die Fläche sei knapp, "auch für soziale Belange".

© SZ vom 22.11.2018
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