bedeckt München

Laim/ Westend:Zerneuern

München: Gewerbehof LAIM / Zschokkestrasse

Der Eigentümer der Zeile an der Zschokkestraße 36 hat sein Haus für die kulturelle Zwischennutzung angeboten.

(Foto: Johannes Simon)

Vier Wochen lang dient ein ehemaliger Gewerbehof zwischen Laim und Westend als Zwischennutzungsprojekt für Künstler

Von Andrea Schlaier, Laim/ Westend

Klingt kraftstrotzend und wird mit Sicherheit auch ein Kraftakt: An der Grenze zwischen Laim und dem Westend werden im Herbst etliche Innenmauern einer Gewerbeimmobilie niedergerissen, auf dass sich darin neue Räume eröffnen. Als Begegnungsfläche, auf der dann alle möglichen schöpferischen Disziplinen miteinander ringen, spielen und vermutlich auch wetteifern. Auf 4000 Quadratmetern blüht damit im September für vier Wochen ein künstlerisches Zwischenreich auf, bevor Ende des Jahres endgültig Bagger anrücken und den gesamten Komplex über den Haufen schieben. Der Eigentümer der Zeile an der Zschokkestraße 36 hat sein Haus dafür angeboten und ein eigens gegründeter Verein macht sich gerade daran, 50 Kunstschaffende aus München und Europa für das Projekt mit dem ambitioniert konstruierten Titel "Z - zusammen zerneuern/reZtroy" zu vernetzen.

Der Gewerbehof soll gleichzeitig Ausstellungsort und Werkstoff sein, Gebäudesubstanz als künstlerisches Material für alle Genres der bildenden Kunst, gleich ob Street Art, Architektur oder Performance. "Und dabei soll nicht an jeder Ecke was anderes entstehen, sondern alle sollen zusammen an einem Gesamtkunstwerk arbeiten". Die Losung gibt Astrid Weindl aus; die 63-Jährige ist nicht nur Mitbegründerin des eigens für das Projekt gegründeten "Verein zur Förderung urbaner Kunst".

Weindl war auch Geburtshelferin und lange Zeit Leiterin der Alten Färberei, dem städtischen Ausstellungslabor für junge Kunst und ist, wenn man so will, eine der Wegbereiterinnen der Street Art in dieser Stadt. Ihr Netzwerk ist entsprechend. Mit im Boot sind inzwischen wohl auch die Akademie der bildenden Künste, die Fakultät für Architektur der Hochschule, Typografische Gesellschaft München, Platform München, die Färberei und ihre quicklebendige Schwester im Westend, das Köşk, ebenfalls ein flirrend buntes Zwischennutzungsprojekt, in dem Fall des Stadtjugendrings München Stadt, das allerdings insgesamt 1000 Tage Zeit und Platz für junge Kunst und Kultur hat. "Mündlich zugesagt", erklärt Astrid Weindl zu ihrem aktuellen Projekt, "hat inzwischen auch das Kulturreferat", und aufgesprungen seien auch der Londoner Kurator Cedar Lewisohn und Marcus Graf von der Yeditepe Universität Istanbul. "Und jede Menge freie Künstler."

"Wir sind gerade dabei, die Genres zu mischen". Astrid Weindl lacht: "Wer sich dafür entscheidet mitzumachen, muss auch offen sein, gemeinsam mit anderen etwas zu entwickeln. Damit tun sich nicht alle Künstler leicht." Aber schließlich bestehe die Kernidee des "reZtroy", mit den Mitspielern wie beim Jazz zu improvisieren, auf dass am Ende ein riesiges Gesamt-Kunstwerk entstehe.

Von Mitte September an kann dann, wer will, durch den einstigen Gewerbehof wie durch eine groß angelegte Galerie schreiten. Flankierend gibt's während der Zeit Podien mit den Kuratoren des Projekts, öffentliche Künstlergespräche, Vorträge und Filmabende. Workshops und Führungen werden angeboten, auch für Schulklassen und Studenten. Das Veranstaltungsteam rechnet mit mehr als 30 000 Besuchern.

Ein enormer Aufwand für ein vergleichsweise kurzes Zwischenspiel. "Hängt schon was dran", sagt Petra Zimmerer, die beruflich mit großen Gewerbe-Immobilien und Öffentlichkeitsarbeit zu tun hat und vom Eigentümer gebeten wurde, die Projekt-Koordination zu übernehmen. "Der Hausherr findet es einfach wahnsinnig interessant", so eine künstlerische Plattform möglich zu machen. Dabei wolle er selbst allerdings im Hintergrund bleiben. Zimmerer ist gerade dabei, die ganzen Sicherheitsvorkehrungen für die Spielzeit im Herbst zu treffen. "Feuerwehr, Brandschutz, Versicherung und Polizei sind gerade meine Gesprächspartner."

Das Gebäude wird gestellt, die Party muss die Community aber selbst finanzieren. "Wir müssen 140 000 Euro zusammenkriegen", bekannte Astrid Weindl, als sie das Projekt unlängst im Bezirksausschuss Schwanthalerhöhe vorgestellt hat. Auch wegen der Finanzierung wurde sie in der Runde vorstellig. Die Sammelbüchse wird eben erst herausgekramt. Anträge an diverse nationale und regionale Stiftungen und das Münchner Kulturreferat sind gestellt; Sponsoren sind angefragt. Die Personalkosten seien gering, erklärt die Organisatorin. "Wir arbeiten größtenteils ehrenamtlich."

Von Mai an könnten die Künstler selbst ins Haus an der Zschokkestraße 36, das vor kurzem erst geräumt worden sei. Dann nimmt der kreative Kraftakt Fahrt auf. Astrid Weindl formuliert es lieber so: "Wir fangen dann an mit dem Zer-Neuern."

© SZ vom 07.04.2018
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema