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Laim:Leben mit dem "ungebetenen Untermieter"

Vor Jahren schon hat Künstlerin Judith Silberer die Diagnose Krebs bekommen. Nun setzt sie all ihre Hoffnungen in eine Impftherapie. Doch die Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht - daher veräußert die Laimerin ihre Werke

Von Julia Weinzierler

Lediglich 44 Kilo wiegt Judith Silberer momentan, ihr Alter sieht man der zierlichen Frau mit dem lockigen Kurzhaarschnitt nicht an. Man trifft sie im Laimer "Lanz 7", wo sie schon öfter ausgestellt hat. Im Nebenraum der kleinen Galerie zeigt die Künstlerin eine Auswahl ihrer Werke. Doch diesmal ist es keine normale Schau, "Art to go" nennt Silberer dieses im wahrsten Sinne lebenswichtige Projekt. Seit über 15 Jahren muss die Künstlerin aus Laim mit einem Weichteilsarkom leben, einem Krebs, der immer wieder zurückkommt und Metastasen im ganzen Körper gebildet hat. Nun möchte die 54-Jährige eine neuartige Behandlungsform ausprobieren, die sie allerdings selbst finanzieren muss - und verkauft daher ihre Werke, um die Entwicklung des Impfstoffes und monatlichen Spritzen bezahlen zu können.

Das jugendliche Lachen hat sich Silberer trotz ihres Schicksals erhalten, ihr charakteristische Muttermal auf der linken Backe sieht man nur, wenn sie kurz ihre Maske absetzt. Sicherheit geht vor, auch wenn die Künstlerin frohen Mutes ist. Doch nach dieser langen Zeit seit der ersten Krebsdiagnose nun an Corona zu erkranken, wäre "echt ein Witz", schmunzelt die gebürtige Münchnerin. Das Virus war auch der Grund, weswegen Silberer auf die Idee kam, ihre Kunstwerke Freunden und Bekannten zu überlassen.

"Art to go" ist eine Art Crowdfunding-Projekt, das Lanz 7 ist der Showroom für die Werke, die sie verkaufen will. Denn Silberer wird noch im Juli eine Impftherapie beginnen, von der sie hofft, dass sie den Krebs aufhalten könnte. Die Kosten trägt die Krankenkasse allerdings nicht - denn der Nutzen wurde noch nicht bewertet. Silberer selbst glaubt aber an die Wirkung, ist schon zuvor immer wieder alternative Wege gegangen. Mit Erfolg - von Ärzten wurde sie schon "Frau Wunder" getauft. Mit ihrer Diagnose sei es eher unüblich, so lange zu leben.

Doch das Leben mit Krebs ist beschwerlich, die vielen Arztbesuche, Medikamente und Eingriffe schlauchen. Von ihrer letzten großen Operation im Februar 2019 hat sie sich immer noch nicht richtig erholt. Den Krebs sieht sie als einen "ungebetenen Untermieter", erzählt Silberer. "Ich weiß nicht, wer den reingelassen hat, aber der lebt da halt jetzt in dieser Wohngemeinschaft in meinem Körper." Wenn er in seinem Zimmer bleibt, ist alles in Ordnung. "Aber wenn er immer wieder in andere Räume geht und sich da ausbreitet, dann muss ich halt immer wieder aufräumen."

Setzt all ihreHoffnung auf eine neue Therapie: Judith Silberer veräußert über das Crowdfundig-Projekt "Art to go" viele ihrer Arbeiten im "Lanz 7".

(Foto: Catherina Hess)

Das Aufräumen kostet viel Kraft, weswegen die Münchnerin mittlerweile in Erwerbsminderungsrente ist. "Ich wollte nie hauptberuflich Patientin sein", sagt sie. Viele Jahre lang arbeitete die studierte Kunstpädagogin in der Kunstvermittlung in Museen, ihre eigenen Werke waren eher ein Hobby, das sich nun zur Berufung gemausert hat. In der Kunst könne sie abtauchen, ihr Handwerk habe, sagt Silberer, auch "therapeutischen Charakter", lenke sie vom Krebs ab. "Das tut so gut, sonst kreise ich die ganze Zeit um meine Krankheit."

Zur Kunst fand Silberer schon früh, bereits während ihrer Schulzeit in der Tagesheimschule an der Hochstraße. "Wir hatten einen Hausmeister, der auch Bildhauer war - und der hat oben am Dachboden sein Atelier gehabt", erzählt die Laimerin und lächelt: "Da war ich quasi Stammkundin." Oft sei sie dabeigesessen, habe zugeschaut, auch mitgeholfen. Doch so richtig in die Kunstszene getraut hat sie sich lange nicht. Nach einer Lehre zur Einzelhandelskauffrau studierte sie über den zweiten Bildungsweg erst Germanistik und Betriebswirtschaftslehre, bevor sie letztendlich zur Kunstpädagogik wechselte. Danach arbeitete sie lange in der Kunstvermittlung an Museen - in Wien, München, Regensburg und Bonn.

Rückblickend erscheint ihr dieses Metier aufgrund der Konkurrenz um die wenigen Jobs als "Schlangengrube". Heute fragt sich Judith Silberer, ob "das viele Reinfressen und das viele Erdulden" in dieser Zeit nicht auch Futter für ihren Krebs war. Dennoch war ihre eigene Kunst lange nur ein Hobby. Erst als sie wegen ihrer Erkrankung eine Halbtagsstelle in einer Agentur antrat und aus der Museumsbranche ausstieg, fing sie wieder an zu malen und fand schließlich durch eine Ausstellung in Wien zu ihrem charakteristischen Stil: Rollbilder nach japanischem Vorbild, genannt "Kakejiku". "Das hat mich wahnsinnig fasziniert", erzählt sie heute. Die Ästhetik, der Minimalismus, die Schlichtheit und auch die Strenge des Formats seien eine Herausforderung, aber genau die perfekte Nische.

Heute upcycelt sie ihre eigene Kunst in den Rollbildern, die auch immer Collagen-Elemente aus alten Werken beinhalten. Es wird genäht, mit Musterrollen gearbeitet und zusammengefügt - alles, was sie gern macht, verbindet sich in den hochformatigen Rollbildern. Darüber hinaus stellt Silberer Lamellenbilder aus alten Malereien her und widmet sich der Neuinterpretation von Zeichnungen aus dem antiquarischen Buch "Kindertümliche Faustskizzen" aus dem Jahr 1910.

Mit dem Geld will sie einen Impfstoff finanzieren, den die Kasse nicht zahlt.

(Foto: Catherina Hess)

Ursprünglich war ihr Gedanke, die bald anlaufende Therapie durch eine Ausstellung mit Verkauf zu finanzieren, doch Corona durchkreuzte diese Pläne. Silberer sorgte sich, ob eine Crowdfunding-Aktion gerade in dieser Zeit überhaupt möglich sein würde. "Ich habe mir gedacht: Die Leute haben echt andere Probleme im Moment", erinnert sie sich. Doch die Resonanz war gut und so konnte sie einen Teil der fünfstelligen Summe für die Entwicklung des Impfstoffes in einer Tübinger Praxis zusammenkratzen. Rund 500 Euro kostet die Spritze dann jeden Monat zusätzlich.

"Das ist meine private, persönliche Hoffnung", ist sich Judith Silberer bewusst. Mit aggressiven Chemotherapien und weiteren Operationen hat sie abgeschlossen. Die Impfung soll den Körper befähigen, wieder selbst gegen die Krebszellen vorzugehen und ist individuell auf den Tumor angepasst. Darüber hinaus nimmt die Laimerin weiterhin das von der Krankenkasse empfohlene Medikament.

Die Kunst hilft ihr bei der Bewältigung ihrer Erkrankung. Nicht nur therapeutisch und finanziell, sondern weil sie damit eben nicht nur Patientin ist, sondern Künstlerin. Ein normales Leben mit dieser Diagnose zu führen, sei sowieso schwer genug. "Du willst ja auch normal behandelt werden, aber du weißt, in dir ist dieser Untermieter, der da irgendwie aktiv ist und der sich nicht an die Spielregeln hält", sagt Silberer. Sie hofft, dass die neue Impftherapie dieses Spiel nun beenden kann.

Ausgewählte Arbeiten von Judith Silberer sind aktuell im Nebenraum des "Lanz 7", Lanzstraße 7, zu sehen. Die nächste Ausstellung "Badewanne, Runkelrübe und Dürer" ist dort bereits geplant. Weitere Infos und Kontaktdaten für einen persönlichen Termin gibt es im Netz unter www.judithsilberer.de.

© SZ vom 04.07.2020

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