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Laim:Juwel der Stadtgeschichte

Der Historische Verein des Viertels besitzt das Original-Modell des Glockenspiels vom Rathausturm. Es stammt aus der Glockengießerei der Gebrüder Oberascher und wurde auf dem Dachboden der Fabrikantenvilla entdeckt

Es war der 23. Juli 2015. Ortschronist Josef Stöger kann sich noch ganz genau an den Tag erinnern, als sein Telefon läutete und die Stimme am anderen Ende der Leitung sagte: "Ich habe etwas für Sie." Das so verheißungsvoll Versprochene entpuppte sich als veritable Rarität: das Original-Modell des Glockenspiels für den Münchner Rathausturm, das einst in der Kunst- und Glockengießerei der Gebrüder Oberascher an der Laimer Mitterhoferstraße hergestellt worden war. Der Anrufer, der Josef Stöger die Offerte machte, war Helmut Otto, Lebensgefährte der mittlerweile verstorbenen Erbin Hermine Oberascher aus der Glockengießerdynastie, die sich hier im Münchner Westen angesiedelt hatte. Otto hat das Modell auf dem Dachboden der Fabrikantenvilla entdeckt, die inzwischen abgerissen wurde.

"So was Tolles": Der Stolz, das Original-Modell des kleinen Glockenspiels aus dem Rathaus ergattert zu haben, ist dem Laimer Ortschronisten Josef Stöger ins Gesicht geschrieben.

(Foto: Josef Stöger/oh)

Wenn Josef Stöger, der im Viertel als selbst ernannter "Laimer Fotograf" seit vielen Jahren das Leben mit seiner Kamera dokumentiert, an die Begebenheit zurückdenkt, gerät er ins Schwärmen: "Ich habe mich riesig gefreut. Es war für mich wie Ostern und Weihnachten zusammen." Der 69-Jährige, der seit zehn Jahren Mitglied im Historischen Verein Laim ist, zögerte nicht und kaufte Otto kurzerhand das kleine Glockenspiel ab, zu welchem Preis möchte er nicht verraten. Für den Schreinermeister ist das Modell des prominenten Münchner Klangspiels jedenfalls von unschätzbar hohem ideellem Wert - ein Teil der Stadtgeschichte.

"Ich habe das Glockenspiel mit der Sackkarre nach Hause gebracht", erinnert sich Stöger, die Begeisterung ist ihm anzuhören. Eine Woche hat er das Modell zuhause aufbewahrt, bevor er es dem Historischen Verein Laim zur Verfügung stellte. "Alle waren ganz aufgelöst, dass wir jetzt so etwas Tolles in unserem Besitz haben." Seit fünf Jahren steht es nun bedeckt wie ein gut gehüteter Schatz, im Kellerarchiv des Vereins an der Landsberger Straße. Nicht einmal Besucher am Tag der offenen Tür haben es zu Gesicht bekommen - bis jetzt. Das soll sich aber ändern.

Das Original-Modell des Glockenspiels für den Münchner Rathausturm wurde einst in der Kunst- und Glockengießerei der Gebrüder Oberascher an der Laimer Mitterhoferstraße hergestellt.

(Foto: Josef Stöger/oh)

Neben dem Modell des Glockenspiels lagern im Vereinsarchiv außerdem so genannte Models, also Gießformen, die der Kunst- und Glockengießer Rudolf Oberascher für die Herstellung von weltlichen und christlichen Tafeln verwendete. Stöger hat sie zufällig im Keller der alten Fabrikantenvilla entdeckt, als zwei Männer von der Schuttabfuhr vor Ort waren, um das Haus vor seinem Abbruch zu entrümpeln. Helmut Otto, der für den historischen Fund keine Verwendung hatte, erlaubte Stöger, sich zu bedienen. "Ich habe gerettet, was noch zu retten war", freut sich der Hobby-Historiker. 2017 wurde das ehemalige Wohnhaus der Familie Oberascher dann abgerissen. Nur das Werkstattgebäude an der Mitterhoferstraße 7 ist erhalten geblieben. Bis 2031 noch hat es die neue Eigentümerin, die Heimbau Bayern GmbH, an einen metallverarbeitenden Betrieb vermietet.

Die ehemalige "Kunst- und Glockengießerei Gebrüder Oberascher", die der gebürtige Salzburger Rudolf Oberascher 1899 mit seinem Bruder Rupert in München gegründet hatte, war bald über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Und weil es, wie Stöger berichtet, "die beste Glockengießerei weit und breit" war, hatte die Stadt sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts damit beauftragt, das Glockenspiel für den Münchner Rathausturm herzustellen. Die Kosten beliefen sich auf stolze 154 000 Goldmark. Mit seinen 43 Glocken war es damals das fünftgrößte Glockenspiel Europas. Auch die mächtigen Glocken in der Frauenkirche und im Alten Peter stammen aus der Laimer Traditionswerkstatt. Die letzte Glocke wurde 1952 für die Kirche des Schwabinger Krankenhauses gegossen. Nach dem Tod von Rudolf Oberascher im Jahr 1956 wurde der Betrieb eingestellt.

Das 1909 installierte Glockenspiel zählt zu Münchens Sehenswürdigkeiten.

(Foto: Josef Stöger/oh)

Das etwa ein Meter mal 80 Zentimeter große Modell funktioniert heute nicht mehr. Es sollte den Gießern damals dabei helfen, herauszufinden, wie die bronzefarbenen Glocken, die von unterschiedlicher Größe sind, geschaltet werden müssen, um einen harmonischen Klang zu erzeugen. Ganz gelungen war dies offenbar nicht, denn 1908 während der ersten Probe im Neuen Rathaus wurde es wegen der Unreinheit einiger Töne kritisiert, es musste nachgebessert werden. Erst ein Jahr nach seiner Fertigstellung wurde das Glockenspiel dann offiziell in Betrieb genommen.

Josef Stöger, der ebenfalls gebürtiger Österreicher ist, hat mittlerweile weitere Relikte aus der Laimer Geschichte aufspüren können. "Ich habe noch was ganz Tolles aufgetrieben", verheißt er mit geheimnisvoller Stimme. Um was es sich konkret handelt, will er noch nicht verraten. Nur so viel: Ein Relikt soll aus der gleichen Epoche stammen wie das kleine Glockenspiel für den Rathausturm.

© SZ vom 30.04.2020

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