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Laim:Alles Walzer

Laim leuchtet: Michaela Dietl erinnert mit ihrem Akkordeon beim "Open Space", beschirmt von Günther Bodesheim, an Auswanderer und Weltenbummler.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Neun Grad, Regen - und dennoch erobern die Laimer ihren Anger

Von Andrea Schlaier, Laim

Es geht. In Laim. An einem unwirtlichen Abend im März bei neun Grad im Nieselregen. Im warmen Schein kerzenbeleuchteter bunter Regenschirme, die in den harten Winterboden gesteckt sind, tanzen Menschen zum Spiel einer Akkordeonistin Walzer auf dem Laimer Anger. Darunter zwei Frauen, in lange schwarze Gewänder gehüllt. Vor zwei Minuten haben sie noch am schmalen, dunklen Durchgang beim Kulturtreff Interim Lieder zur Migration aus Georgien, Korsika und Apulien mit weicher Stimme intoniert, eine nahezu mystische Meditation.

Eine halbe Stunde davor hatten sie auf der triefenden Wiese neben dem Gewirr aus Kreuzungen, Bushaltestellen, Buswendeschleife und U-Bahn-Ausgang am Laimer Platz - wie etwa 40 Menschen mit ihnen - den sphärisch-elektronischen Kompositionen gelauscht, die der Münchner Musiker Martin Ott aus seinen Boxen in den freien Himmel entließ.

Am Freitagabend öffneten sich in Laim neue Räume. Auf in dieser Gegend ungehörte und möglicherweise bislang auch ungesehene Weise. Zu verdanken ist dies der Initiative "In Laim" und der Künstlerin Sophie Johanna Kaiser. "Open Space" haben sie ihren Kunst- und Musikparcours genannt, bei dem sie die Menschen, die hier leben, eingeladen haben, den öffentlichen Raum in ihrem Viertel neu oder überhaupt erst als Raum zu entdecken - auch oder gerade die Kunst, für die es in Laim zu wenig Platz gibt , konventionellen wohlgemerkt.

An sechs Stationen macht der Zug der erstaunlich vielen Wetter-Unverdrossenen an diesem Abend Halt. Auch unterm Dach einer Hütte des Abenteuerspielplatzes beim Jugendtreff. Anton Kaun setzt dort alle unter Strom. Feuert ballernde Video-Sequenzen auf sein Publikum ab und schickt selbst noch aus dem Grillrost elektronisch sprühende Sound-Funken in seiner "Noise-Performance" durch die Nacht.

Auch auf Kauns Bühne steckt ein Leuchtschirm - die zweite Ebene dieser Erkundungstour. Gemahnen an die, die unbehaust oder nur prekär behaust sind in den offenen und geschlossenen Räumen dieses Viertels und die mitunter aus der ganzen Welt kommen. Michaela Dietl fasst dies musikalisch am Anfang und Ende der Tour mit ihrem Akkordeon, für sie das Instrument aller Auswanderer und Weltenbummler. Neun Grad Nieselregen sind da keine Kategorie.

© SZ vom 18.03.2019
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