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Selfstorage:Wer einen Lagerraum mietet - und warum

Kündigung, Zwangsräumung oder Probleme bei der Wohnungssuche - ein Lagerraum kann eine schnelle Lösung sein. Manchmal wird daraus auch eine Dauerlösung.

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Quelle: Catherina Hess

Das Selfstorage-Haus MyPlace an der Landsberger Straße hat 1400 Lagerabteile. Insgesamt vermieten allein die beiden großen Anbieter in München 50 000 Quadratmeter Fläche.

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Relikte aus alten Tagen

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Quelle: Catherina Hess

Er hatte sich so gefreut, als er vor fünf Jahren in seine Wohnung eingezogen war. Sein erstes eigenes Reich, ein Zimmer, Küchenzeile, Bad, große Freiheit. Severin G. hatte ein Ausbildung zum Verkäufer gemacht, arbeitete aber im Lager eines Möbelhauses. Doch dann verlor er seinen Job. "Und so bin ich in ein Loch gefallen." Ein Loch, aus dem er nicht mehr heraus kam. Er habe keinen Antrieb mehr gehabt, nichts mehr gemacht, sei kaum noch rausgegangen, erzählt der heute 29-Jährige. Er habe Schulden angehäuft und sich mit der Agentur für Arbeit angelegt. Habe keine Post mehr geöffnet und irgendwann auch keine Miete mehr bezahlt. So kam es, dass er nach seinem Job auch noch seine Wohnung verlor.

Am Tag der Zwangsräumung half ihm sein bester Freund, seine Sachen aus der Wohnung zu tragen. "Ohne ihn hätte ich das nicht geschafft und viel mehr zurückgelassen", sagt Severin G. Das war vor einem Jahr. Sack und Pack brachten sie in ein Lagerabteil. Er zog vorübergehend bei dem Freund, dessen Freundin und dem Baby der beiden ein, bevor er für ein paar Monate in eine Klinik ging. Heute hat er ein Zimmer in einer therapeutischen Wohngemeinschaft mit 14 Mitbewohnern. Die Gemeinschaft tue ihm gut, "ich brauche Leute um mich rum".

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Nach der Zwangsräumung lagerte Severin G. seine Möbel ein

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Quelle: Catherina Hess

Langsam bringt er wieder Ordnung in sein Leben. Er hat seine Sachen zurückgeholt, Bett und Kleiderschrank, Bücher, DVDs. Er hat die Sache mit den Schulden geregelt und ist dabei herauszufinden, was ihm eigentlich liegt. Er wünscht sich einen Job, bei dem er sich bewegen kann. Von seinem alten Leben zeugt jetzt noch das mittlerweile deutlich kleinere Abteil, 1,4 Quadratmeter, 73 Euro im Monat. Seine Küche steht darin und seine Couch, hochkant, die Unterseite zur Tür hin. "Das war ein Act, die da reinzukriegen." Sieht stark nach Tetris aus, die Höhe passt genau. Die Küche könne er vielleicht verkaufen. "Aber irgendwie hänge ich dran, es ist ein Relikt aus alten Tagen." Aus der ersten eigenen Wohnung eben.

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Ein Leben in Kartons

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Quelle: Catherina Hess

An der Innenseite der Tür von Michael T.s Abteil hängt eine Jacke. Fast wirkt es so, als würde hier jemand wohnen. Als wäre das hier die Garderobe. Als würde hier morgens jemand aufstehen, sich einen Kaffee kochen, die Jacke schnappen und eilig zur Tür hinaus hasten.

Nur dass hier natürlich niemand wohnt. Dass hier nur Dinge sind, Dinge in Kisten, und dass Michael T. schon gar nicht mehr weiß, was er da alles untergebracht hat. Mehr als fünf Jahre ist es her, dass er seine Wohnung verloren hat und seine Besitztümer in ein Lagerabteil bringen musste: seine Bücher, seine Klamotten, seine Haushaltsgeräte. Alles in Kartons verpackt, alles auf anderthalb Quadratmetern. Einige seiner Möbel habe er damals beim Auszug seinem Nachbarn gegeben, erzählt der 61-Jährige.

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Seit Jahren hat Michael T. sein Abteil

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Quelle: Catherina Hess

Aus Leipzig kommt er ursprünglich, Elektroniktechnik hat er einst studiert in seinem Heimatland, der DDR. Er hat in Belgien und in Holland gelebt, hängen geblieben aber ist er vor 20 Jahren in München. Nachdem er seine Wohnung verloren hatte, wohnte er eine Zeitlang in einer Pension. Dann verlor er auch noch seinen Job. Seitdem schlägt T. sich mit Zeitarbeit durch und hangelt sich von Unterkunft zu Unterkunft. Fünf Jahre sind es nun.

Es ist ein Teufelskreis: ohne Wohnung kein Job, ohne Job keine Wohnung. Er hat einen Antrag auf eine Sozialwohnung gestellt, aber Sozialwohnungen sind rar und begehrt. T. hat 124 Dringlichkeitspunkte, das ist viel, aber viele andere haben eben auch so viele Punkte. Zurzeit hat er ein Bett in einem Doppelzimmer in einer Unterkunft des Katholischen Männerfürsorgevereins. Morgens um acht muss er das Haus verlassen, von 14 Uhr an kann er wieder rein. Die Habseligkeiten, die er dort hat, passen in einen Spind. T. sucht weiter einen Job und eine Wohnung, vielleicht klappt es ja etwas außerhalb. Er will in München bleiben, Leipzig ist keine Alternative mehr. Das sei zwar seine Heimat, aber seine Familie ist im ganzen Land verstreut. "Was soll ich da?"

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Heimat für die Kunst

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Quelle: Catherina Hess

Als Ute Hillig ihr Abteil aufschließt, schaut ihr der Wächter entgegen. Wobei, schauen trifft es nicht ganz, der Wächter ist dick eingemummelt in Luftpolsterfolie und Packpapier, und man kann, ähnlich wie bei den winterlich daunenjackenverpackten Menschen, seine Form nur ungefähr erahnen. So eingepackt erinnert er nahezu sommerlich an ein Zitroneneis, das aus einer Waffel quillt.

Ute Hillig, 56, ist Künstlerin, und sie hat den Wächter geschaffen, eine Figur aus weißem Papier. Wächter, erklärt sie, so heiße er, weil er aufpasse, "was ringsum geschieht". Sie ist an diesem Tag gekommen, um ihn abzuholen, genauso wie weitere Figuren und Bilder, die den ganzen Februar über in einer Ausstellung im Gewerkschaftshaus an der Schwanthalerstraße zu sehen sein werden.

Seit drei Monaten hat sie das acht Quadratmeter große Abteil im Lagerhaus an der Landsberger Straße gemietet. Sie hatte in Allach in einem alten Abbruchhaus gewohnt. Das war einerseits toll, "weil ich da großflächig arbeiten konnte". Es war aber eben auch zeitlich beschränkt. Sie musste also umziehen, und weil sie in München partout keine Wohnung fand, hat sie sich erst einmal bei ihrem Freund in Augsburg einquartiert. Auch er ist Künstler, einst haben sie zusammen an der Akademie der Bildenden Künste studiert. "In München schaut man ja nicht eine Wohnung an", sagt Ute Illig, "sondern der Vermieter schaut einen an".

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Ute Hillig ist auf Wohnungssuche - bisher vergebens

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Quelle: Catherina Hess

Nun ist es aber so, dass München ihre Heimat ist - hier ist sie geboren, hier hat sie immer gelebt, hier sind ihre sozialen Kontakte, hier ist ihr beruflicher Mittelpunkt. Hier will sie eigentlich auch nicht weg. 260 Euro im Monat bezahlt sie nun für diese auf acht Quadratmeter geschrumpfte Heimat, in der sie Bilder aus drei Jahrzehnten und neue Skulpturen, Werkzeug und Staffeleien lagert.

Acht Wohnungen hat sie besichtigt - keine Chance. Sie könnte bis zu 1000 Euro bezahlen. "Es muss sich was finden lassen. Ich geb' nicht auf."

© Anna Hoben/kaal
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