Lager für giftige Gase in Allach:Eine brisante Mischung

Phosgen, Schwefelwasserstoff oder andere toxische Stoffe: Die Allacher wehren sich gegen ein geplantes Lager für giftige Gase, Fachleute können die Sorgen der Bürger nicht ausräumen.

Gudrun Passarge

Die Angst geht um in Allach. Zwar ist noch nicht entschieden, ob Phosgen, Schwefelwasserstoff oder andere toxische Stoffe an der Ludwigsfelder Straße gelagert werden dürfen, aber die Bürger laufen bereits jetzt Sturm gegen das Vorhaben.

Nun konnten sich die Anwohner bei einer Veranstaltung der Bezirksausschüsse Moosach und Allach-Untermenzing über das Vorhaben informieren. In der turbulenten Diskussion kamen alle kritischen Punkte zur Sprache: Störfallszenarien, Evakuierungspläne, die Lärmbelastung und die Frage, ob das von der Firma Air Liquide geplante Lager für giftige und sehr giftige Gase noch verhindert werden kann.

Bei der Veranstaltung im Louise-Schroeder-Gymnasium forderten die Bürger die Firma auf, sich einen anderen Standort zu suchen, "wo keine Wohnbebauung in der Nähe ist". In Allach ist die nächste Siedlung etwa 200 Meter entfernt, im Umkreis von 900 Metern gibt es mehrere Kindergärten und eine Schule. Und nicht nur das. So machte sich eine Frau Sorgen um die brisante Mischung. "Mir gefällt die Idee nicht, dass wir hier ein Betonwerk, Panzer und Giftgas direkt nebeneinander haben", sagte sie in Bezug auf das nahe gelegene Gelände der Firma Krauss-Maffei-Wegmann, die unter anderem auch Panzer baut.

Neu war an diesem Abend die Ankündigung von Rudolf Fuchs vom Umweltreferat. Er sagte den Bürgern zu, das Gutachten des TÜV-Süd werde noch um zusätzliche Untersuchungen ergänzt, die unterschiedliche Störfallszenarien berücksichtigten. Acht Störfallanlagen gibt es bereits im Stadtgebiet, die Anlage von Air Liquide wäre die neunte. In diesen Betrieben finden sich Stoffe wie etwa Gase, Mineralöl oder Chemikalien, sie unterliegen strengsten Auflagen und Kontrollen.

"Wir halten all diese Regeln ein", betonte Arno Sander, technischer Direktor von Air Liquide. Sander zufolge soll dieser Standort dazu dienen, den süddeutschen Markt zu versorgen. Er betonte jedoch, dass die giftigen Gase in Allach nur umgeschlagen und gelagert, aber auf keinen Fall abgefüllt würden. "Wir sehen die höchstmögliche Sicherheit für die Lagerung vor. Jede Flasche hat einen Barcode und wird nachverfolgt."

Das aber ist den Bürgern zu wenig. Klaus Trapp, lange im Bereich Arbeitssicherheit tätig, hielt ihm entgegen: "Sicherheit gibt es mit Gas überhaupt nicht." Er nannte die Furcht vor Terroranschlägen, andere wiesen darauf hin, dass sich der Standort in der Einflugschneise des Flughafens befinde. Auch die SPD-Stadträtin und Ärztin Constanze Schaar sagte, sie finde diesen Ort "aus medizinischen und psychologischen Gründen äußerst bedenklich".

Hoffnung auf eine Änderung des Flächennutzungsplans brauchen sich die Gegner der Anlage nicht mehr zu machen. Selbst wenn aus dem Industrie- ein Gewerbegebiet würde, könne das die Anlage nicht verhindern, sagte Franz-Josef Maier von der Lokalbaukommission. Und ein Bürgerentscheid sei rechtlich ebensowenig möglich, betonte Fuchs vom RGU. Sein Referat werde jetzt mit Fachleuten prüfen, welche "Dennoch-Störfälle" untersucht werden.

Das hatte auch der Toxikologe Gustav Drasch gefordert, der sich nicht mit "Wischi-Waschi-Erklärungen" abspeisen lassen wollte. Der Professor sagte, "Phosgen ist kein historischer Kampfstoff, sondern eine verdammt gefährliche Substanz."

Eine Entscheidung fällt voraussichtlich im nächsten Jahr. Sollte die Anlage alle gesetzlichen Vorschriften erfüllen, muss sie vom Referat für Gesundheit und Umwelt genehmigt werden. Dann bliebe den besorgten Anwohnern nur noch der Weg zu den Gerichten.

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