Ladenöffnungszeiten:Auch in München kann man nach 20 Uhr noch einkaufen

Aber wie viele Menschen tun das überhaupt? Und was nehmen sie mit? Fünf Beispiele.

Von Franziska Gerlach, Laura Kaufmann, Christoph Koopmann und Tobias Weiskopf

Supermarkt: Der neue Laden

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(Foto: Alessandra Schellnegger)

"Komm, irgendwas müssen wir doch noch mitnehmen. Jetzt sind wir schon mal hier!" Von irgendwo links neben dem Regal mit Knabbereien ist die Frauenstimme zu hören. Zwischendurch wird sie von einer blechern klingenden Seal-Schnulze aus den Lautsprechern übertönt. Angeregt diskutiert Julia Streibl mit ihrem Begleiter. Was könnte man denn noch mitnehmen? Brauchen wir noch was? Was es hier doch alles gibt, so spät noch! Hier, das ist im gerade neu eröffneten Edeka im Zwischengeschoss des Hauptbahnhofs. "Wir sind zum ersten Mal hier", sagt Streibl, als die beiden aus dem Regaldickicht in den Gang treten. Wahnsinnig praktisch sei es, dass man jetzt abends auch nach acht Uhr noch "vernünftig einkaufen" könne. Streibls Einkaufs-Gefährte Stefan Krismair ergänzt: "Ständig vergesse ich beim Ein-kaufen die Hälfte, jetzt kann ich den Rest auch spontan noch hier besorgen." Heute besteht der vergessene Rest aus Tomatensaft und Schokoriegeln. Aber obwohl es so praktisch ist: Dass künftig alle Supermärkte auch nach 20 Uhr öffnen, hält Krismair für unnötig. "Die Angestellten wollen doch auch irgendwann nach Hause", sagt er. Alexandra Thole findet die Arbeitszeiten nicht schlimm. Sie leitet die Abteilung für Backwaren und schnelle Gerichte zum Mitnehmen im Edeka. "Als man mir die Stelle hier angeboten hat, hatte ich keine Angst vor den langen Öffnungszeiten", sagt die 45-Jährige. Aus ihrer Heimat bei Osnabrück sei sie das ohnehin gewohnt, dort hätten die meisten Supermärkte bis zehn Uhr am Abend geöffnet. Erst Anfang des Monats ist Thole nach München gezogen, für sie waren die Eigenheiten des bayerischen Ladenschlussgesetzes eine Umstellung. "Ab und zu fehlt abends oder am Sonntag dann doch noch was", sagt sie. Deswegen arbeitet sie nicht nur als Abteilungsleiterin im Spätkauf-Edeka, sie nutzt ihn auch als Kundin.

Kiosk: Lächeln am Fenster

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(Foto: Alessandra Schellnegger)

Kindliche Begeisterung überkommt die Kundin mit blonder Kurzhaarfrisur, als sie die Süßigkeitenauswahl entdeckt, sie kann sich kaum entscheiden. "Nein, doch die Packung - nein die - ach, gib mir die M&M's!" Aus einem niedersächsischen "Kaff", wie sie sagt, ist sie vor drei Wochen hergezogen, für einen Job. Dort fahren spätabends zwar keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr, aber der Supermarkt ist bis 22 Uhr geöffnet. Dass das in München anders ist, hat sie schnell lernen müssen. Umso größer ist die Freude, dass sie nach dem Theaterbesuch in Schwabing nun doch noch den Süßwarenvorrat aufstocken kann, am Kiosk an der Münchner Freiheit. Wie der Kiosk an der Reichenbachbrücke hat auch dieser 23 Stunden geöffnet: Als "erlaubnisfreie Gaststätte" gilt er und darf somit das Bier nur geschlossen verkaufen und nicht zum Verzehr vor Ort, wie Michael Mittermeier einem ungläubigen Kunden gerade erklärt. Er steht unter dem Vordach des Kiosks, es regnet leicht. In den Pfützen spiegelt sich das Grün, in dem der Glaskubus gerade leuchtet. "Nein, unter dem Schirm da kannst du das Bier auch nicht trinken. Ist wirklich so." "Ich arbeite nachts lieber als tagsüber", sagt Mittermeier. "Die Kunden sind nicht so gestresst wie am Morgen, wenn sie ihren Bus schnell erwischen wollen, freundlicher." Und wirklich haben die Kunden, die im Minutentakt vor dem Verkaufsfenster aufschlagen, ein nettes Lächeln übrig oder einen witzigen Spruch; die Nacht verbindet die Menschen. Bier oder Zigaretten, Pfirsicheistee oder Joghurtschokolade holen sich die Kunden. "Hast du keine Brezn mehr?" - "Leider nicht". Einer nimmt stattdessen ein Bier mehr, "vier Bier sind auch ein Schnitzel", eine greift zu zwei Packungen Salzbrezeln. Die Leute hier holen sich Proviant für die Fahrt oder etwas für Zuhause. Froh, dass noch etwas offen hat.

Tankstelle: Durst statt Hunger

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(Foto: Matthias Ferdinand Döring)

Teurer als im Supermarkt ist es an der Tankstelle natürlich schon. Deswegen versucht Sefika Öner, ihre Einkäufe tagsüber zu erledigen. In letzter Zeit aber, sagt die Schwabingerin, suche sie die Shell-Tankstelle an der Leopoldstraße dennoch hin und wieder auf. Sie sei schwanger, und da könnten einen ganz plötzlich Gelüste nach Schokolade überkommen. Auch spätabends, wenn in München so gut wie nichts mehr geöffnet hat. "Wenn es sein muss, dann muss es sein." Die meisten Kunden, die an diesem Abend ins gleißende Licht der 24-Stunden-Tankstelle treten, treibt aber weniger der kleine Hunger, sondern der große Durst. Zwei Mittzwanzigerinnen decken sich mit Wodka und Red Bull ein, immer wieder nimmt jemand eine Flasche Bier aus dem Kühlregal, das sich fast über die komplette Wandbreite erstreckt. "Alkohol, Zigaretten und Chips", fasst eine Mitarbeiterin die Bestseller des Shops zusammen, der sich irgendwo zwischen Getränkemarkt und Kiosk verorten lässt. Aber auch, wer sich nachts eine neue Zahnbürste, Würfelzucker oder ein Kuscheltier zulegen möchte, wird hier fündig. Was so los ist in der Tankstelle, hängt natürlich von der Uhrzeit und vom Wochentag ab. Wenn morgens um drei Uhr das Personal der Bars nach Hause gehe, sagt die Mitarbeiterin, seien die Panini besonders begehrt, am Wochenende kommen dann die Feierwütigen. Aber auch Andreas Nadler fühlt sich hier wohl, die Pause seiner Nachtschicht für einen Sicherheitsdienst verbringt er gerne bei einer Latte Macchiato. Er möge die Atmosphäre von Tankstellen, sagt der Mann mit der Uniform und dem dampfenden Becher. Dann taucht noch ein Kunde auf, der offenbar etwas gut machen will. "Ich wollte eigentlich nur Zigaretten kaufen", sagt Kaan Demirel und grinst. "Aber dann habe ich gedacht, ich bring meiner Freundin eine Rose mit."

Drogeriemarkt: Nicht nur Kosmetik

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(Foto: Catherina Hess)

Der Bäcker, der Buch- und Zeitschriften-handel, der Tabakwarenladen - alle haben schon geschlossen. Allein die dm-Filiale im Ostbahnhof hält an diesem Montagabend gegen halb elf noch die Türen für ihre Kunden geöffnet, als letzte Bastion sozusagen. Arg viel los ist hier auch nicht mehr, nur ein paar Leute zieht es zu dieser späten Stunde noch in den Drogeriemarkt. Eine junge Frau lädt sich den Einkaufskorb voll mit Kosmetikartikeln, am Foto-Automaten nestelt ein älterer Herr im Regenmantel etwas ratlos am Touchscreen herum. Auch Eugene Rabinovitch muss noch einkaufen. "Ich war bis eben in einem Tanzkurs hier um die Ecke, und jetzt muss ich auf dem Heimweg noch ein paar Kleinigkeiten besorgen", sagt er. Vorher habe er dafür keine Zeit gehabt, als Software-Entwickler arbeite er mindestens bis 18 Uhr. Dann ist da nebenbei noch ein Haushalt zu schmeißen, und schwupps, ist es 20 Uhr. Kein Laden in der Nähe seiner Wohnung hat noch geöffnet - außer dem dm. "Für mich ist es ein großes Problem, dass man hier fast nirgends nach 20 Uhr einkaufen kann", klagt er. Und allzu groß sei die Auswahl weder hier noch beim neuen Edeka im Hauptbahnhof. "Ich habe zuletzt in Kanada gelebt, da waren die Geschäfte zum Teil rund um die Uhr geöffnet", sagt Rabinovitch. Zwischen den wenigen Kunden sind die Mitarbeiterinnen des dm auch zu dieser Uhrzeit noch schwer beschäftigt, sie müssen die Regale schon für den nächsten Morgen einräumen. Eine Kassiererin feixt nebenbei mit ihren Kolleginnen. Ob sie die langen Öffnungszeiten stören? "Mei, des passt scho", sagt sie. "Wir sind ja alle freiwillig hier. Keiner zwingt uns, die späten Schichten zu übernehmen." Immerhin gebe es nach 20 Uhr Zuschläge. "Allerdings finde ich, dass nicht jeder Laden so lange geöffnet haben muss, ein paar reichen", sagt die Kassiererin.

Flughafen: Hochbetrieb

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(Foto: Marco Einfeldt)

Es ist Montagabend, kurz vor 22 Uhr, und an beiden Kassen des Edeka-Supermarktes am Münchner Flughafen herrscht Hochbetrieb. Die meisten Kunden in der Schlange tragen Arbeitskleidung oder eine Uniform, ihren Einkauf halten sie gleich in der Hand, denn mehr als ein paar Dinge sind es selten. Keine Uhrzeit für Großeinkäufe. Zwischen halb sechs morgens und Mitternacht hat der Flughafen-Edeka geöffnet. Doch wer kauft so spät noch ein? Ein Großteil der Kunden arbeitet am Airport. Eine Gruppe junger Bundespolizisten braucht noch Snacks für die Nachtschicht, ein paar Arbeiter kaufen ein Feierabendbier, und eine Stewardess begutachtet in einer Ecke die unterschiedlichen BHs. Auch für diese Bedürfnisse ist der Edeka gerüstet. Doch der Großteil kauft um diese Zeit Lebensmittel - oder Alkohol. Die meisten Kunden hier kennen sich aus, sie kommen öfter, wissen, wo das steht, was sie brauchen. Viel geredet wird nicht. Die Menschen sind erschöpft, müde von der Arbeit. Nadine, Auszubildende zur Hotelfachfrau, und ihr Freund Jakub, Einzelhandelskaufmann, beide 19, machen gemeinsam ihren Feierabendeinkauf. "Wir überlegen gerade, was wir uns heute Abend zu essen machen", erzählt Nadine. Sie hat bis gerade eben im Hotel am Flughafen gearbeitet und ihr Freund hat sie abgeholt. "Wir machen das häufig so." Die beiden laufen durch die Regale und warten auf die Inspiration. "Wir essen, wenn wir Hunger haben, nicht nach dem Schema Frühstück-Mittag-Abendessen", erklärt Nadine. Der Vorteil des Abendeinkaufs sei, dass man sich "nicht so abstressen" müsse, und im Gegensatz zur Tankstelle seien die Produkte hier im Supermarkt nicht überteuert, findet Jakub. Dann können sich die beiden endlich entscheiden: Fanta, Apfelschorle, Eistee, Mozzarella, Joghurt und als Hauptgericht Gnocchi. Damit stehen die beiden nun an der Kasse. Kurz vor zehn. Zeit für den Feierabend.

© SZ vom 19.10.16 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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