Kritik:Bus- statt Bussi-Gesellschaft

Christl Sittenauer, Frank Klötgen und Sebastian Fritz, Ensemble Lach- und Schießgesellschaft

Abgefahren: das neue Ensemble der Lach- und Schießgesellschaft mit Sebastian Fritz, Christl Sittenauer und Frank Klötgen (v. li.).

(Foto: Gerald von Foris)

Das neue Ensemble der Lach- und Schießgesellschaft begeistert mit seinem Programm "Aufgestaut", trifft es doch genau das Hier und Jetzt.

Von Oliver Hochkeppel, München

Die Neuen brauchen nicht lange, bis sie zur Sache kommen. Eben noch trällern Christl Sittenauer, Frank Klötgen und Sebastian Fritz "Pack deine Koffer und verreis'!", da wird hart in den Stand gebremst: Der Bus der Reisegesellschaft steht im Stau. Sofort geht es bei Fahrerin und Fahrgästen ans Eingemachte. Denn es geht nicht nur buchstäblich nicht mehr weiter, es kann offenkundig grundsätzlich nicht mehr so weitergehen. Schnell werden die Fronten deutlich, zwischen den Generationen, zwischen den Besitzständen, zwischen den Weltanschauungen, zwischen den Geschlechtern. Und jeder wartet auf den nächsten Zug des anderen.

Warten, das musste auch dieses neue Ensemble der Lach- und Schießgesellschaft. Viermal war die Premiere angesetzt, vier mal machte Corona alles zunichte. Mit mehr als einem Jahr Verspätung war es jetzt im Garten der Seidlvilla endlich soweit, umso beglückender wurde es für alle. Denn nicht nur der bereits vor der Pandemie gefundene Titel "Aufgestaut" erwies sich als brandaktuell, das ganze Programm landete punktgenau im Hier und Jetzt. Die Parabel von der "Bus-Gesellschaft" funktioniert großartig, weil sie konkrete Probleme in all ihrer Widersprüchlichkeit und mit all dem in ihnen steckenden Witz so spielerisch verhandelt. Flüchtlingskrise, Neoliberalismus, Hasskultur oder Verschwörungswahn, alles spiegelt sich in Figuren wie der liberalen, aber aus Verzweiflung zur Diktatorin werdenden Busfahrerin, dem (am Ende mörderischen) Kapitalisten-Gierschlund, dem Öko-Weichei, dem professionellen Internet-Hater oder dem alten Ehepaar, das sich von einem schmierigen "Life-Coach" auseinanderbringen lässt.

Ein von Regisseur Sven Kemmler meisterlich inszeniertes veritables Theaterstück, das nicht nur Tiefgang hat, sondern auch einen Riesenspaß macht. Weil sich da drei Rampensäue austoben, die nicht nur mit Sprache, Dialekten und Mimik umgehen, sondern auch noch exzellent singen können - die von The Clash bis zu den Talking Heads perfekt passend ausgesuchte Musik ist nicht minder überzeugend von Veronika Bittenbinder und Heinz-Josef Braun produziert. Es ist eine wahre Pracht, die große Tradition des Lach- und Schießensembles so grandios und zeitgemäß fortgesetzt zu sehen (die nächsten Termine am 5., 13. und 14. in der Seidlvilla und am 21. im Innenhof des Deutschen Museums).

© SZ/pop/chj
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