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Lach- und Schießgesellschaft:Die Drei von der Denkstelle

Lach- und Schießgesellschaft Neues Ensemble

Die drei neuen Tischherren und -damen in der Lach- und Schießgesellschaft: Sebastian Fritz, Christl Sittenauer und Frank Klötgen (von links) setzen von Oktober an die lange Ensemble-Tradition der legendären Münchner Kabarett-Bühne fort. "Aufgestaut" wird das Premierenprogramm heißen.

(Foto: Gila Sonderwald)

Christl Sittenauer, Sebastian Fritz und Frank Klötgen bilden das neue Ensemble des Kabaretts

Von Oliver Hochkeppel

Es tut sich wieder was in der Lach- und Schießgesellschaft. Nicht, dass es schon wieder Vorstellungen gäbe. Nach den aktuellen Vorgaben könnte man maximal 27 Besucher hereinlassen, das rechnet sich für niemanden, und so bleibt der "Laden", wie ihn Sammy Drechsel und Dieter Hildebrandt nannten, vorerst bis zum Ende der Sommerferien geschlossen. Und doch wuselt es im Saal: Ein neues Haus-Ensemble hat sich eingefunden und bastelt fleißig am Premierenprogramm. Denn an dieser Tradition will Lach- und Schieß-Chef Till Hofmann trotz oder gerade wegen Corona festhalten.

Bei Kabarett-Fans hat der Begriff "Lach- und Schieß-Ensemble" immer noch einen besonderen Klang, auch wenn die ganz großen Zeiten lange zurückliegen. Damals in den späten Fünfziger- und Sechzigerjahren waren die jährlich ausgestrahlten Premieren des Lach- und Schieß-Ensembles ähnliche Straßenfeger wie Durbridge-Krimis, für viele Ältere gehören die Sendungen zu den unauslöschlichen Kindheitserinnerungen. Mit der sozialliberalen Koalition in den frühen Siebzigern machte das Ensemble erstmals Pause, weil man den politischen Gegner zu vermissen glaubte, von 1976 an ging es dann aber fröhlich weiter. In den Neunzigerjahren kam das klassische politische Ensemblekabarett - zumindest im Westen der Republik - langsam aus der Mode, bei den eisern weiterspielenden Truppen des Ladens häuften sich die Querelen. 2011 war dann erst einmal Schluss.

Doch wieder einmal erwies sich das Ensemble als Phönix und stieg 2015 erneut aus der Asche. Das Quartett mit Frank Smilgies, Sebastian Rüger, Norbert Bürger und Caroline Ebner beziehungsweise zuletzt Claudia Jacobacci erfand das Format neu, indem es weg vom Tagesaktuellen hin zu einem satirischen absurden Theater ging. Viereinhalb Jahre lang spielten sie sich mit großem Erfolg durch zwei Programme (das letzte noch zweimal "reloaded"). Schon vor einem Jahr allerdings sagten sie Hofmann Bescheid, dass dies ihre letzte Saison sein würde, weil die eigenen Projekte zu stark litten, und diese Form auch gewissermaßen auserzählt war.

Hofmann ging die Nachfolgefrage anders an als bisher: Mit einer Ausschreibung. Mehr als 60 Bewerbungen gingen bis Februar ein, ein paar Aspiranten holte das Lach- und Schieß-Team mit Hofmann, Programmchefin Steffi Rosner und dem als Regisseur gesetzten Sven Kemmler dann selbst dazu. Jetzt ist es soweit: Habemus Ensemble, und es ist ein Trio geworden. Unter den Bewerbern hat sich Christl Sittenauer durchgesetzt, von den Beworbenen kommen Sebastian Fritz und Frank Klötgen hinzu. Eine äußerst heterogene Besetzung, bei der jeder ganz andere Erfahrungen und Qualitäten mitbringt. Und ganz verschiedene Gründe, mitzumachen.

Da wäre also Christl Sittenauer, der Tausendsassa unter den Neuen, als Schauspielerin, Sängerin, Moderatorin und Künstlerin, aber auch als Mathematikerin, Architektur- und Bauphysik-Dozentin. Das Improtheater ist vielleicht ihre stärkste Referenz für die neue Aufgabe. Seit Jahren ist sie Mitglied der Gruppen "Bühnenpolka" und "fastfood.theater", letztere eine der ältesten unter den inzwischen fast unüberschaubaren Impro-Truppen. Von ihr hört man: "Als ich die Ausschreibung gelesen habe, dachte ich mir, das wäre schon spannend. Mal wieder etwas ganz Anderes. Das Ensemble ist ja immer noch eine Marke, bei so etwas dabei zu sein, ist schon cool. Also sagte ich mir, probier's halt."

Sebastian Fritz, mit 33 der jüngste im Bunde, kommt von der Schauspielerei. Von 2008 bis 2012 absolvierte er die Theaterakademie August Everding, war danach in etlichen Theaterrollen, aber auch in Film und Fernsehen präsent, mal als schwäbischer Jungbauer, mal als kleinkrimineller Kunstfälscher in "Sturm der Liebe", mal als tatverdächtiger Spitzenkoch in den "Rosenheim-Cops". Weil dabei seine Neigung zum Schreiben wie zum Komödiantischen meist zu kurz kommt, hat er sich auch schon beim Kabarett ausprobiert: Mit seinem ersten Soloprogramm "Brutal schön", in dem er als Male-Model schwer an Schönheit und Erfolg leidet, ist er seit zwei Jahren erfolgreich unterwegs - im Mai hätte die Lach- und Schießpremiere stattfinden sollen. Allerdings ist ihm das Kabarettistenleben eigentlich zu einsam. Er hatte unlängst beschlossen, sich wieder mehr auf die Schauspielerei zu werfen. "Aber wie es im Leben so ist, gerade wenn du eine Entscheidung getroffen hast, kommt ein Anruf daher. Also hab ich beim Casting vorbeigeschaut und hatte sofort das Gefühl, dass es stimmt."

Frank Klötgen schließlich ist mit 52 der älteste, zugleich jedoch der Erfahrenste, was Jugendbewegung angeht. In jungen Jahren war der Essener deutscher Vizemeister im Skateboardfahren, später verband er seine Computer- und Internetbegeisterung mit seiner Musik-Affinität - er ist seit 1986 bis heute Texter und Sänger der Postpunkpop-Band Marilyn's Army - als Webmaster von nationalen und internationalen Stars wie Element of Crime, Eminem oder Marilyn Manson. Von Anfang an war er bei den aufkommenden Poetry Slams dabei, trat auf allen Lesebühnen des Landes auf (auch als Veranstalter) und beendete Anfang 2017 eine einjährige "Poetry-Slam-Abschiedstour" nach etwa 200 Auftritten in 19 Ländern auf vier Kontinenten. Seit seinem Umzug nach München ist er Teil der "Westend-Bohème" und der "Stützen der Gesellschaft". Mit rund 3000 Gedichten und Songtexten, eigenen Blogs sowie einem Roman ist er der ausgewiesene Poet des neuen Ensembles.

Zu dem auch er wie die Jungfrau zum Kinde kam: "Ich hab' mich mental eigentlich schon in Frührente gefühlt. Weil ich im vergangenen Jahr ein Bühnenprogramm mit Kammerorchester gemacht habe und mir dachte: Jetzt hast du dich oft genug neu erfunden, das reicht. Und habe mich deshalb nicht beworben." Stattdessen war er Anfang März wie jedes Jahr bei einem Literaturfestival auf den Seychellen. "Da wurden wir dann wegen Corona zurückgeholt, mitten hinein ins Chaos. Tags darauf kam der Anruf, ob ich mir vorstellen könnte, hier mitzumachen. Es war ja alles abgesagt, und da dachte ich mir, da nicht hinzugehen, wäre definitiv falsch. Wieder einen Tag später war ich beim Casting, und dann war ich dabei."

So unterschiedlich die drei sind, die Gruppendynamik stimmt jedenfalls, wie der Ensemble-erfahrene Co-Autor und Regisseur Sven Kemmler bestätigt. "Wenn wir uns reinhängen, kann das ein festerer Kitt werden, als wenn wir uns alle schon kennen", findet auch Sebastian Fritz. Bislang sieht es so aus, dass man alle Texte gemeinsam schreiben wird, ohne noch zusätzliche Autoren bemühen zu müssen. Die Ideen sprudeln jedenfalls nur so für das Programm mit dem Titel "Aufgestaut", dessen groben Rahmen man bereits abgesteckt hat. Naheliegenderweise dreht es sich um Themen, die Corona aufgebrochen, verschärft und verdichtet hat - "ohne dass das böse C-Wort vorkommt," wie Klötgen scherzt. Wie beim vorigen Ensemble wird Musik eine wichtige Rolle spielen. Aber anders als die Kollegen mit ihren dadaistischen Szenen will man diesmal eine Geschichte erzählen. Ein in jeder Hinsicht starkes Stück darf man also erwarten, wenn - wie geplant - am 28. Oktober der Vorhang zur Premiere fällt.

© SZ vom 12.06.2020

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