bedeckt München

Abschied:Einer, der den Menschen viel zutraut

KZ Gedenkstätte

"Ich habe immer versucht, Menschen zusammenzubringen", sagt Diakon Klaus Schultz.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Diakon Klaus Schultz tat 23 Jahre lang Dienst in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Er führte viele Tausende Besucher über das Gelände. Die Frage nach dem Warum lässt ihn bis heute nicht los

Von Anna-Elisa Jakob, Dachau

Ein Rundgang mit Klaus Schultz endet immer vor dem Kreuz. Zwischen den vier bronzefarbenen Quadern kriecht mit Mühe etwas hervor, von dem man hier in der Kirche meist sagt, dass es Gott sei. Aber Diakon Schultz findet, es könne genauso gut die Toleranz sein oder das Mitgefühl, die sich hier ihren Weg unter der Last ins Freie bahnen. Draußen stürmt es, der Regen prasselt auf das Dach der Dachauer Versöhnungskirche. "Das hier war für mich immer eine Art Schutzraum", sagt Schultz passenderweise. Da spricht er gerade darüber, wie er 23 Jahre lang an diesem Ort, dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers, arbeiten konnte, ohne je den eigenen Glauben zu verlieren. Am Sonntag trat er in den frühzeitigen Ruhestand.

Schultz zeigt neben sich auf die Grundrisse der hinteren drei Baracken, in denen von 1940 an mehr als 2700 Geistliche inhaftiert waren. Erst kürzlich habe er wieder in alten Schriften gelesen, welche die Häftlinge damals verfasst haben. "Dieses starke Gottvertrauen", bemerkt Schultz beinahe etwas verwundert. "Ich weiß nicht, ob ich mir das in dieser Situation hätte bewahren können."

Die Frage, wo Gott zwischen 1933 und 1945 gewesen ist, wurde ihm schon oft gestellt - und Schultz stellt sie sich selbst regelmäßig. Das Zweifeln gehöre zum Glauben, sagt der 64-Jährige. Ob er in den Jahren eine Antwort auf diese Zweifel gefunden habe, mit der er gut leben könne? Vielleicht gibt es da ein paar, überlegt er, faltet die Hände im Schoß, wie er das häufig macht, wenn er erzählt.

Eigentlich hatte Schultz ja einfach "was mit Menschen machen" wollen. Sein Elternhaus war nicht außergewöhnlich gläubig, er ging zum Kindergottesdienst, in den Religionsunterricht, zur Konfirmation. Er war Kind im Münchner Stadtteil Neuhausen in den Sechzigerjahren. Ein Großteil seiner Lehrer hatte die NS-Zeit noch selbst erlebt, doch eine KZ-Gedenkstätte besuchte Schultz während seiner Schulzeit nie. Nach Dachau kam er das erste Mal, als er ungefähr dreißig war, für die Evangelische Jugend in München arbeitete, Zeltlager organisierte, aber eben auch Exkursionen wie die zu der Gedenkstätte in Dachau. 1997 wechselte er an die Gedenkstätte, als Diakon der Versöhnungskirche. Im selben Jahr wurde seine Tochter geboren, die Familie Schultz zog nach Dachau.

Wer Diakon wird, durchläuft eine theologische, aber auch eine sozialpädagogische Ausbildung. Und so fand für Schultz in diesem Beruf alles zusammen, was er gerne zusammenführen wollte, seinen Glauben und das Menschliche. Wenn man mit Leuten spricht, die mit ihm zusammengearbeitet haben, hört man, er sei offen, engagiert, verlässlich. "Er hat immer geholfen, auf jeder Ebene und egal, wer sich an ihn gewandt hatte", sagt zum Beispiel Andrea Heller, die ihn als Referentin an der Versöhnungskirche kennengelernt hat. Heute ist sie Geschäftsführerin des Fördervereins für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit, in dem sich auch Schultz engagiert.

Aber auch den Menschenfreund Schultz umgaben während seiner Arbeitszeit Spannungsfelder. Eines, von dem er selbst schnell erzählt, führt ihn zurück in die Neunzigerjahre, als er gerade in Dachau angekommen war. "Man musste sich noch dafür rechtfertigen, dass man hier arbeitete", sagt Schultz. Dass sich das angespannte Verhältnis zwischen Gedenkstätte und Gesellschaft in den folgenden Jahren zunehmend löste, die Arbeit der Gedenkstätte mehr in das Blickfeld der Politik rückte, auch das bewog Schultz, länger zu bleiben als er ursprünglich geplant hatte. Schultz glaubt bestimmt nicht an Harmonie unter allen Menschen, aber an Verständigung, wenn man etwas gemeinsam bewirken möchte. "Ich habe immer versucht, Menschen zusammenzubringen", sagt er.

Mittlerweile hat er etwa 33 000 Menschen über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers geführt. Die Zahl kennt Schultz so genau, weil er sich seine Rundgänge über die Jahre hinweg vermerkt hat. Je länger die Liste wurde, desto mehr konnte Schultz die historischen Fakten mit Geschichten spicken, er hat Überlebende und Angehörige getroffen und die Meinung gefestigt, dass zum Erinnern immer das Persönliche gehört. Gleichzeitig baute Schultz für sich aber auch eine Abwehrhaltung auf, um an der Gedenkstätte zu arbeiten. Um professionell sein zu können, wie er sagt. Durch das Tor mit der zynischen Inschrift "Arbeit macht frei" läuft er nie, wenn er alleine ist, er geht dann immer einen kleinen Umweg. Das soll nicht Teil des Alltags werden. Alltag an einem Ort, den er noch immer als "verunsichernd" beschreibt.

Viel hat Schultz aus den Gesprächen mit Überlebenden wie Abba Naor, Hanna Mandel oder Ernst Grube mitgenommen, ein Leitsatz wurde das bekannte Zitat Max Mannheimers: "Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht." Auch weil es dazu die Erinnerung gibt, wie Mannheimer ihm bei ihrer ersten Begegnung sofort das Du angeboten hatte. Dass Menschen wie er immer wieder die Hand ausstreckten, um zu verzeihen, das beeindruckte Schultz von Anfang an.

Schultz glaubt nicht an einen Gott, der irgendwo mit erhobenem Zeigefinger droht, und der gleichwohl auch alle Verantwortung übernimmt, wenn etwas schiefgeht auf Erden. Das wäre wohl zu einfach, sagt er. Die Verantwortung ist dem Menschen gegeben, davon ist er überzeugt. Und auch davon, dass jeder in seinem Inneren sehr gut wisse, was gut und was böse sei. Die Frage ist nur, wofür man sich entscheide. Schultz ist ein Gläubiger, der dem Menschen sehr viel zutraut. Auch das gehört zu der Antwort, die er auf seine Zweifel gefunden hat.

Wirklich einfacher macht das die Frage nach dem Warum nicht - egal ob sie ihm von einem Überlebenden gestellt wird, der als Einziger in seiner Familie nicht von den Nationalsozialisten ermordet wurde, oder von einer Frau, die sich mit ihrer Familie überworfen hat, weil sie irgendwann herausgefunden hat, dass der eigene Vater bei der SS gewesen war. In den ersten Jahren saß Schultz viel in seinem Büro in der Versöhnungskirche. Der Raum steht offen, und immer wieder kommen Menschen dorthin, um zu reden. Manchmal muss er dann einfach zuhören, manchmal auch versuchen, Antworten auf dieses Warum zu finden.

Manchmal begegnen ihm so aber auch Menschen wie damals einige der "Schickeria Ultras", die Fans der Südkurve des FC Bayern. Sie trugen vor Jahren die Geschichte von Kurt Landauer, dem ehemaligen KZ-Häftling und späteren Vorsitzenden des Vereins, zu Schultz. Seit fünf Jahren ist der Platz vor der Arena nach Landauer benannt, und die Münchner Fangruppe wurde zum Vorreiter für viele andere, sich mit der Vergangenheit ihrer Vereine auseinanderzusetzen. Viele von ihnen wandten sich auch an Schultz, seit Jahren bietet er Führungen über die Gedenkstätte mit Fußballbezug an. Seit Beginn ist Schultz auch Mitglied im Verein "Nie wieder", der sich 2004 in der Versöhnungskirche gründete und sich für die Erinnerungsarbeit im deutschen Fußball einsetzt.

Das Zwischenmenschliche bleibt für Schultz der Schlüssel zu allem, auch für die Erinnerungsarbeit. Auch deswegen trieb er das Projekt der Gedächtnisblätter voran: Junge Menschen arbeiten Biografien von Dachau-Häftlingen auf, kontaktieren Überlebende und Angehörige. "Man muss das Erinnern auch nach außen tragen, ins Heute übersetzen", sagt Schultz. Auch jetzt im Ruhestand ist Schultz noch Mitglied im Präsidium des Lagergemeinschaft, möchte in der Notfallseelsorge arbeiten, vielleicht zusätzlich für die Bahnhofsmission in München. Eine Ausbildung als Berater für Opfer von rechtsextremen Taten habe er vor einiger Zeit gemacht, dafür könnte er jetzt endlich Zeit finden. Es gebe noch viele Dinge, die auf ihn warten.

Als Schultz an diesem Tag sein Büro verlässt, ein bücherbeladener Nebenraum der Versöhnungskirche, hat sich der Himmel wieder gelichtet. Er nimmt den geschlossenen Regenschirm in die linke Hand, setzt eine Schiebermütze auf und geht. "Ich bin zufrieden mit dem, was ich hier gemacht habe", sagt er. Und das sei doch schon mal was.

© SZ vom 04.06.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema