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Kurzkritik:Zwingend

Das Münchener Kammerorchester mit dem Geiger Ilya Gringolts

Von Klaus Kalchschmid

Schlicht "Konzert für Violine und Orchester" nennt Beat Furrer sein zweites Werk für diese Besetzung - nach "andere Stimmen" von 2003. Das Auftragswerk des Münchener Kammerorchesters wurde beim ersten Abo-Konzert im Prinzregententheater uraufgeführt - mit dem phänomenalen Ilya Gringolts als Solist. Wieder kondensiert sich in knapp 20 Minuten das Geschehen. Die Dreisätzigkeit des neuen Konzerts ist allerdings irreführend, denn der erste, zehnminütige Satz besitzt eine Bogenform, die vom Nahezu-Stillstand und einem harmonischen Schweben mit einer faszinierenden, oftmals geräuschhaften Struktur in die Getragenheit zurückkehrt, während der Mittelteil der Geige bewegte, fast "klassische" Figurationen erlaubt, die beinahe erzählerischen Charakter besitzen. Der siebenminütige zweite Satz ist eine vielfältig schillernde, ungemein spannende Eruption, und die letzten drei Minuten haben die Funktion einer Coda.

Jeder Ton, jede Harmonie, alles Mikrotonale und jedes Glissando hat in diesem Werk seinen exakten Platz. Die Präzision und Intensität, mit der das MKO und der technisch wie musikalisch absolut souve-räne Ilya Gringolts die Partitur durch-leuchten und zum Ereignis machen, lässt dem Hörer keinen Augenblick des Abschweifens. So unmittelbar und zwingend muss zeitgenössische Musik sein.

Voraus gingen Mozarts Symphonie Nr. 33 B-Dur, die erst im fast schon auf Rossini vorausweisenden Finale richtig Fahrt aufnahm und "Three Places In New England" von Charles Ives. Die raffinierten Überlagerungen von Kinder- und Kampfliedern oder Spirituals fanden im MKO und seinem Chefdirigenten Clemens Schuldt die idealen Interpreten. Schärfe, Witz und Wärme dieser Musik konnten sie im perfekten Wechsel oder gar gleichzeitig bieten. Denn so deutlich bezogen auf amerikanische Kriege sich das Programm dieser Musik liest, so unterhaltsam und darüber hinausweisend ist sie auch.

© SZ vom 17.10.2020

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