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Kurzkritik:Zupackend

Das Münchner Streichquartett mit Haydn

Von David Renke

Es ist natürlich doppelt hart, wenn neben der allgemeinen Ausnahmesituation auch das Wetter einen Strich durch die Rechnung macht. Vor allem, da man sich das serenadenhafte Andante aus Haydns "Quintenquartett", op. 72/2 im lauschigen Innenhof der Blutenburg gut hätte vorstellen können. Umso erstaunlicher war es, dass das Münchner Streichquartett - angeführt von Anne Schoenholtz (Stephan Hoever, Violine; Mathias Schessl, Viola; Jan Mischlich, Violoncello) - die Blutenburger Sommerbühne in den weniger lauschigen, dafür aber akustisch hervorragenden Jella-Lepman-Saal verlegte. Dort bot das Quartett, bestehend aus Mitgliedern der Symphoniker des Bayerischen Rundfunks, dann einen gehaltvollen Kammermusikabend. Jedes Konzert sei aktuell eine kleine Sensation, sagt Schoenholtz bereits zu Beginn und dementsprechend satt und emotional agierten die vier dann auch im Capriccio e-Moll, op. 81/3 von Mendelssohn.

Die feinen Nuancen zwischen deutscher Hochromantik und Wiener Klassik arbeiteten das BR-Streichquartett mit fast strenger Akkuratesse heraus. Eines hatte allerdings die Interpretation von Mendelssohns zweitem Streichquartett mit der Haydns gemein: den kraftvoll zupackenden Charakter. Statt eines jugendlichen Geniestreichs präsentierte das Quartett das Opus 13 als tiefgründiges Emotionswerk und arbeiteten die Bezüge zu Bach und Beethoven deutlich heraus. Kein Zweifel, dass bei Schoenholtz' drängendem Bogenstrich frischer Schwung im Mittelpunkt stand, statt auf Brillanz getrimmter Schönklang.

Ähnliches gab es beim Haydn zu beobachten. Deutlich eleganter in der Anlage und vibratoärmer im Spiel, wurde das Quartett dann besonders mitreißend, wenn es die Musik kraftvoll und erdig vortragen konnte. Und da bietet das Werk im Menuett und Presto-Finale mehr als genug Möglichkeit. Als Dank für den brausenden Applaus gab es "Libertango" - "macht man eigentlich nicht nach einem Mendelssohn", so Schoenholtz. Nach diesen feurigen Interpretationen weiß man aber nicht, was das Quartett sonst hätte spielen sollen.

© SZ vom 18.07.2020

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