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Kurzkritik:Zum Mörder werden

Charly Hübner vermengt Schubert mit Nick Cave

Es ist nicht sicher, ob es den Sänger Charly Hübner überhaupt gibt. Denn eigentlich ist es der Schauspieler, der an diesem Abend im Prinzregententheater auf der Bühne steht und tief in menschliche Abgründe blicken lässt. Dass sich die bereits so oft neuarrangierte "Winterreise" von Franz Schubert optimal dafür eignet, ist kein Geheimnis. Dass sie aber singbar ist, ohne überhaupt singen zu können, schon. Stattdessen präsentieren Charly Hübner und das Hamburger Ensemble Resonanz ein feines Arrangement, das der schauspielerischen Ausdrucksstärke Hübners Raum gibt.

Unkonventionell angereichert mit Songs von Nick Cave entspinnt Arrangeur Tobias Schwencke ein neues Narrativ, das Schuberts einsamen Wanderer zum Täter macht. Als Urkatastrophe dient Caves wohl berühmtestes Stück, "Where the wild roses grow". Der Erzähler tötet seine Geliebte ("All beauty must die"), düster vorgetragen von Hübner mit Mörderblick, dazu transzendierende Orchesterhymnen und schreiende E-Gitarre (Kalle Kalima): Ein Arrangement von beängstigender Schönheit. Die "Winterreise" schließlich ist Protagonist des Abends: Hübner spielt mit den Motiven des Liederzyklus aus dem Jahr 1827, seziert Gefühlszustände, stülpt auf schmerzhafte Weise das Innerste nach außen. Wie beim Stück "Gute Nacht": Begonnen mit zurückgenommener Kopfstimme und hochgezogenen Schultern zeigt es den Wanderer als Unschuldigen. Zarte Dissonanzen der Streicher kündigen Unheil an. Mit Wahnwitz in Hübners Mimik wird die Liebe zur Persiflage und der Freund zum Mörder ("Fein Liebchen, Gute Nacht").

Auch Schubert spielt in der Winterreise mit Illusionen, etwa in grausig-schönen Durpassagen mitten im Moll-Sumpf. Und Schlaflieder wie das großartig vom Orchester gesungene "Die Nebensonnen", das statt Schlaf den Tod beschwört, lassen das Publikum im fast vollen Saal betroffen zurück.

© SZ vom 25.02.2020
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