Selten war ein Komponisten-Porträt in der Rotunde der Pinakothek der Moderne so aus einem Guss wie die 50. Ausgabe dieses schönen Formats über Johannes Maria Staud mit dem Münchener Kammerorchester. Das Nachtkonzert unter Chefdirigent Clemens Schuldt begann mit "Terra Pinguis (für Arthur)", einem 13-minütiges Stück, das im Titel "Die schwefelige, fette Erde" bezeichnet. Vor ein paar Monaten wurde es vom MKO im Prinzregententheater uraufgeführt: ein intensives Stück für Streicher, in das wenige Bläser ebenso prägnant einfallen wie es immer wieder zum farbig akzentuierten kollektiven Schrei der Musiker kommt. Das klingt hautnah und in der direkten, leicht halligen Akustik der Rotunde ganz anders als seinerzeit im Prinzregententheater.
Wie der Titel die Widmung an den zweiten Sohn Stauds beinhaltet, ist "Oskar (Towards a Brighter Hue II)" 2014 für den Erstgeborenen komponiert. Das Werk stellt die Erweiterung eines Werks für Violine solo dar, das Staud zehn Jahre zuvor als Pflichtstück für den ARD-Musikwettbewerb komponierte und in dem er "die Geige zum Verglühen bringen will". Die "Musik für Violine solo, Streichorchester und Schlagzeug" folgt "teilweise eng dem Solostück, das Orchester dagegen klopft das Potenzial ab, das in diesem Geigenstück eigentlich schlummert", schreibt der Komponist. So macht man sich in jeder der virtuosen 20 Minuten Sorgen um die Finger des famosen Ilya Gringolts, der so oft am Steg vibriert und ein Höherschrauben und Erhitzen des Geschehens suggeriert, dass einem schon beim Zuhören heiß wird.
Zwischen den beiden größer besetzten Werken gibt es feine Kammermusik für acht beziehungsweise sieben Instrumente, bei denen sich Streicher und Holzbläser symmetrisch gegenüber sitzen. In Configurations/Reflet (2002) ergänzt das Septett ein Horn, beim noch minimalistischeren "Wheat, not oats, dear. I'm afraid" (2015) kommt im Hintergrund Schlagwerk dazu und oftmals dialogisiert das Streichtrio mit den dunklen Farben von Bassflöte und Bassklarinette, während die Oboe vorsichtig den melodischen Höhenflug wagt. In 75 Minuten waren hier vier Seiten eines Komponisten zu erleben, bei dem man auch in der reinen Instrumentalmusik immer hört, dass er ein genuiner Musikdramatiker ist.