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Kurzkritik:Vier für 50

Die drei Musketiere

Achtung: Abstand halten vor freilaufenden Schauspielern.

(Foto: Residenztheater)

Die "Drei Musketiere" auf der großen Residenztheaterbühne

Beim Einlass vor dem Residenztheater kann man schon wieder an Sorokin denken und dessen Roman "Die Schlange" (siehe SZ vom 19. Juni). Mit einer Erweiterung: Sorokin lässt die Leute Schlange stehen, weil es im real existierenden Sozialismus halt wenig gibt, und fürs wenige stellen sich viele an. Kunstminister Sibler sorgt dafür, dass es in der Kunst wenige Plätze gibt, also muss man nun für die anstehen - staatlich verordnete Mangelwirtschaft. Aber man steht da gern, auch weil in pandemischen Zeiten sämtliche Theatermitarbeiter eine geradezu entzückende Freude darüber ausstrahlen, dass wenigstens ein paar Menschen vorbeikommen können und man für die spielen kann. Die 50 Zuschauer selbst, meist paarweise ordentlich separiert im ausgedünnten und bemerkenswert trostlos wirkenden Parkett, machen dann ihrerseits mit ihrer haltlosen Freude die Unbill der Zeit vergessen.

Das Residenztheater bespielt wieder seine große Bühne, da ist mehr Platz und selbst so umtriebige Schauspieler wie die vier in den "Drei Musketieren" können genügend Abstand zueinander halten, ohne dass man es dem Spiel anmerkt. Antonio Latellas Inszenierung kam im Februar vergangenen Jahres in Basel heraus, im Oktober im Cuvilliéstheater, nun findet sie also im großen Haus statt und von der Geschichte, die Alexandre Dumas erzählt, erfährt man immer noch nichts. Das ist aber auch völlig nebensächlich. Nicola Mastroberardino, Michael Wächter, Elias Eilinghoff und Vincent Glander flirren mit Verve durch einen objektiv leeren, inhaltlich aber randvollen, theatralischen Assoziationsraum, sind Pferde, Diener und Theaterexperten. Dramaturgie sei wie Lasagne, was das bedeutet, weiß man jetzt auch nicht. Nachdenken darüber kann man eh nicht, denn rasant geht es weiter zwischen Genialem, Krudem, Wunderbarem.

© SZ vom 20.06.2020

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