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Kurzkritik:Unterwegs mit Parzival

Mathis Nitschkes digitales Projekt "Lure"

Von Rita Argauer

Dass Streams keine Live-Aufführung ersetzen können, wurde schon im Frühjahr klar. Dass das Projekt "Lure - a music-theatratical exploration of AI" aber als Streaming-Format interessant bleibt, liegt an einer so einfachen wie grundlegenden Sache: Der Münchner Komponist und Theatermacher Mathis Nitschke hat hier etwas geschaffen, dem das digitale Format immanent ist. Es geht nicht mehr um die Nachbildung einer Live-Situation, die immer nur ein Annähern an das echte Konzert bleiben kann. Der Parzival, der als Protagonist durch "Lure" führt, ist ein digitales Wesen und war nie etwas anderes.

Lure ist ein Computer-Programm, das eine künstliche Intelligenz hervorbringt. Diese heißt im Fall von Nitschkes Projekt Parzival, denn Nitschke ist ein Opern-Mensch. Eine naive und neugierig suchende Person los zu schicken, um das Heil im Digitalen zu finden, ist schlüssig. Also setzt man sich gespannt vor den Bildschirm, um Nitschkes digitalen Zögling kennenzulernen. Nicht ohne das Zimmer abgedunkelt zu haben. Im Vorfeld bekommt man Anweisungen, doch bitte den Raum auf die theatrale Situation, die einen da nun im Computer erwartet, vorzubereiten.

Parzival, gesprochen von der Schauspielerin Mara Widmann, erwacht zum Leben. Man hört seine Stimme, kindlich fragend erfährt er fasziniert die Welt. Man sieht eine ins Märchenhafte verdrehte Videokonferenz. Die Teilnehmer tragen digital flimmernde Masken, in der Mitte lodert ein Feuer. Spannend wird es, als die Sängerin Martina Koppelstetter und anschließend der Schlagzeuger Matthias Lachenmayer anfangen, mit dem Computerprogramm zu musizieren.

Zunächst einfache Töne und Schläge wie beim Einsingen oder während des Soundchecks. Dann reagiert der Computer darauf, füllt den Gesang warm tönend harmonisch auf oder erschafft eine Synthesizer-Fläche zu den Schlagzeugbeats. Das rein Demonstrative weicht einer theatralen Sinnlichkeit. Anschließend hat man noch die Möglichkeit, selbst mit Parzival zu chatten. Das funktioniert erst nicht, dann schon, macht Spaß und ist nicht mehr als eine Spielerei. Doch der kurze Moment, in dem Computer und Mensch künstlerisch zusammenkamen, ist voll von Grusel und Schönheit, Ambivalenz und Theatralität. So etwas durch einen elendigen Computerbildschirm zu erzeugen, ist eine große Leistung.

© SZ vom 16.11.2020

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