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Kurzkritik:Triller-Thriller

Filmmusik mit dem Münchner Rundfunkorchester

Von David Renke

Die Essenz des musikalischen Horrors liegt wohl in der Geige. Spätestens seit Bernard Herrmanns berüchtigte Streicher-Glissandi die Duschszene in Alfred Hitchcocks "Psycho" untermalen, kann das als gesicherte Erkenntnis gelten. Aber gehört zu einem nervenaufreibenden Soundtrack nicht noch mehr? Zum Start seiner neuen Saison hat sich das Münchner Rundfunkorchester der nervenkitzelnden Filmmusik gewidmet und spielte unter anderem eben die Suite zu "Psycho", den Umständen entsprechend in kleiner Besetzung für Streichorchester. Die Erkenntnis: Thriller-Musik ist deutlich avantgardistischer als man denken könnte.

Zwar eröffnete das Programm mit John Williams' "Essay for Strings" ein Werk, das gar nicht für den Film komponiert wurde. Dennoch, als Versuch den Klangraum des Streichorchesters zu erforschen, ist das Stück eng verbunden mit dessen Filmscores, die genauso über Dissonanzenreichtum und dichte Klangstrukturen zu ihren Zuhörern vordringen wollen. Das Rundfunkorchester präsentierte die Thriller-Musik unter der Leitung des jungen Dirigenten Patrick Hahn, der das Orchester aus früheren Gastspielen gut kennt, sehr atmosphärisch und kompakt - die Bilder zur Musik entwickelten sich da von ganz allein. Ähnliches galt auch für das Intermezzo aus Korngolds "Symphonischer Serenade", die mit höllischen Pizzicato- und Ponticello-Klängen das Bild des ewiggestrigen Spätromantikers Lügen straft.

Als Kontrast zum Horror drapierte das Rundfunkorchester Musik aus dem Biopic "Mishima", die aus der Feder von Philip Glass stammt. Bei Hahn wurde daraus eine tiefenscharfe Interpretation, bei der jede Stimmgruppe fein herausgearbeitet war und die auf diese Weise große emotionale Wärme diffundierte. Und da passte es dann auch gut, dass Hahn und Rundfunkorchester noch echt schmalzige Filmmusik dabei hatten, wie das Thema aus "A Summer Place" von Max Steiner, das mit seinen üppigen Streicherklängen ein paradiesisches Fünzigerjahre-Bild mit Nierentisch und Toast Hawaii heraufbeschwört, eine Welt, die der Film selbst doch eigentlich zu kritisieren suchte. Am Ende dann noch "Gabriel's Oboe" aus "The Mission" - eine Hommage an den im Juli verstorbenen Ennio Morricone mit einem wunderschön elegischen Solo von Oboist Jürgen Evers.

© SZ vom 18.09.2020

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