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Kurzkritik:Standhaft im Fettnapf

Rasante Geschlechter­verwirrung: "Was der Butler sah" im Marstall

Von Egbert Tholl

Eines muss man Florian von Manteuffel auf jeden Fall zugestehen: Er hat schöne Beine. Das mag als Aussage erst einmal irritieren, und wäre Manteuffel eine Manteuffeline, sollte man sich die Bemerkung ohnehin schenken, um nicht gleich zu Beginn in ein sexistisches Fettnäpfchen hineinzutappen. Doch da Manteuffel ein Mann ist, der hier eine Frau spielt, kann man auch relativ gefahrlos über Teile des behaupteten weiblichen Körpers sprechen. Die Travestie erwirkt eine Freiheit, die derzeit zwischen Dogmen und Hysterien unterzugehen scheint. Und die auch nur im Ulk funktioniert.

Joe Ortons Stück "Was der Butler sah", Ende der Sechzigerjahre geschrieben, kurz bevor der Autor von seinem Lebensgefährten mit dem Hammer erschlagen wurde, ist in erster Linie ein brillantes Vorführen aller erdenklichen Klischees des sexuellen Treibens, des weiblichen wie männlichen Rollenverhaltens. Ein Butler taucht hier nicht auf - der stille Zeuge des Geschehens ist der Zuschauer selbst -, ansonsten aber ist alles geboten, was man für prägnanten Irrsinn braucht. Und da man am Residenztheater, genauer gesagt im Marstall, die Übersetzung von René Pollesch spielt, ist das Ganze auch eine sprachliche Freude, die ganz leise Momente von Polleschs eigenen Inszenierungen ins Gedächtnis ruft, was aber letztlich eine ganz falsche Fährte wäre, denn Bastian Kraft baut die Aufführung sehr schön und sehr eigenständig mit Verve zusammen.

Das Stück spielt in einer Irrenanstalt, die Wolfgang Menardi auch sehr liebevoll als breiten Riegel in den Marstall hineingebaut hat. Der Anstaltsleiter, Dr. Prentice, macht sich handfest an die neue Sekretärin Geraldine ran, seine Frau kehrt von nächtlichen Eskapaden zurück, im Schlepptau einen notgeilen Hotelpagen, hinter dem ein Polizist her ist, der dann irgendwie wieder abhanden kommt, während ein Oberpsychiater nach dem Rechten sehen will, alle für verrückt erklärt und jede Art von Übergriffigkeit für mehr oder weniger natürliches Verhalten hält.

Aus dieser Konstellation heraus entsteht schnell ein ungeheures Tohuwabohu, bei welchem einige der Figuren die Kleider und damit ihre Geschlechteridentität wechseln, derbe Zoten mit bester Rhetorik ausgetauscht werden und nicht einmal mehr Joe Orton selbst herausgefunden hätte, hätte er sich nicht fürs Ende eine märchenhafte, knapp dem Inzest entgangene Familienzusammenführung ausgedacht.

Bastian Kraft dreht nun einerseits die Schraube der Verwirrung weiter, indem er alle Rollen geschlechterspezifisch andersrum besetzt, was die Möglichkeiten der Komik erweitert, andererseits mit diesem Als-ob Ortons Brachialhumor als nur gespielt so weit von seiner Boshaftigkeit befreit, dass er heute einigermaßen gefahrlos konsumierbar ist. Saulustig bleibt es eh, und vor allem zeigt Krafts Inszenierung, dass es wirklich völlig egal ist, welches Geschlecht ein Mensch nun einmal hat.

Das führt zu fabelhaften Travestie-Nummern gerade von Manteuffel, Juliane Köhler und Charlotte Schwab, die sich des anderen Geschlechts mit exaltierter Würde annehmen, das führt auch zur Ausstellung der Wandlung inklusive Gummi-Pimmel-Parade, also forcierter Albernheit. Und bevor sich die Aufführung bei aller Rasanz in sich selbst verheddert, schenkt ihr Pollyester grandiose Musiknummern, von denen man sehr gerne viel mehr hätte. Musikalischer Kintopp und Elton Johns "I'm still standing", gesungen von Cathrin Störmer im überbordenden Sound trotziger Selbstbehauptung.

© SZ vom 21.06.2021
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