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Kurzkritik:Schumann-Wonne

Gustavo Dudamel beim BR-Symphonieorchester

Von Egbert Tholl

Die Idee hat etwas Bezwingendes: Gustavo Dudamel dirigiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in der Philharmonie, vier Konzerte an zwei Abenden, und da es ihm offenbar zu langweilig wäre, immer dasselbe aufzuführen, nutzt er die speziellen Corona-Bedingungen der ohne Pause stattfinden Konzerte zu einem Zyklus: vier Konzerte, vier Schumann-Sinfonien, eins bis vier. Man könnte jetzt darüber nachdenken, was passiert wäre, hätte sich Dudamel für Haydn entschieden. Auf jeden Fall macht das Konzert mit der ersten, der "Frühlingssinfonie", so viel Freude, dass man sofort bedauert, für die folgenden keine Zeit zuhaben.

Die Klammer ist der Chor des BR. Dudamel hat für ihn drei Chorlieder aus seiner Heimat Venezuela mit gebracht, die gibt es in jedem der vier Konzerte, a capella. Lieder, die ein paar Jahrzehnte alt sind, von José Antonio Abreu "Sol que das vida a los trigos", von Modesta Bor "Aquí te amo" und von Antonio Estévez "Mata del ánima sola". Lieder, durch die sich Spuren von Volksmusik ziehen, die mal zart die Schönheit eines Granatapfelbaums beschwören, natürlich die Liebe und die Sehnsucht, die auch hymnisch sein können, vor allem aber ein wundervolles Wiedersehen mit dem BR-Chor und dessen allergrößter Perfektion bedeuten. Beim dritten Lied kommt der Tenor Andrew Lepri Meyer hinzu, es entsteht eine Szene, ein Tanz - der Chor imitiert Gitarren. Vielleicht alles in großer Schönheit ein bisschen kitschig, aber draußen ist es dunkel, kalt und nass, da passt das.

Mit Schumanns Erster zeigt Dudamel, der nun ohne Partitur dirigiert, dass er, obwohl inzwischen durchaus soigniert wirkend, nichts von seiner sprühenden Musizierlust verloren hat. Die schlanke Besetzung - acht erste Geigen - sorgt für Transparenz, aber der Druck ist auch da, sorgt für ein ungemein lebendiges Erlebnis. Im zweiten Satz betört der Konzertmeister Anton Barakhovsky mit Innigkeit, wie überhaupt das ganze Orchester eine grandiose Unabdingbarkeit ausstrahlt. Sehr langer, dankbarer Applaus.

© SZ vom 26.10.2020
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