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Kurzkritik:Schöne Erinnerung

Benny Golson

Benny Golson bringt Jazzgeschichte auf die Bühne.

(Foto: Ralf Dombrowski)

Der 91-jährige Saxofonist Benny Golson spielt und plaudert in der Unterfahrt

Benny Golsons Welt ist, auf der Bühne zumindest, noch in Ordnung. Sicher, die bisherigen Termine seiner Tournee, die ihn vor allem durch Spanien hätten führen sollen, wurden abgesagt. Sein italienisches Begleittrio wurde in dessen Heimatland festgesetzt. Aber Benny Golson ist eigens aus den USA in die alte Welt geflogen. Er ist inzwischen 91 Jahre alt und erzählt in der Unterfahrt die Geschichten von damals, die aus seiner Perspektive einiges relativieren. Clifford Brown, irrwitzig begabter Trompeter aus mittleren Bebop-Tagen - schon lange tot, gestorben mit 25 bei einem Autounfall. Dizzy Gillespie, mindestens ebenso unglaublicher Trompeter, ebenfalls lange tot, gestorben an vorgezogener, wenn auch für sein Business vertretbarer Altersschwäche. Art Blakey, Trommler von Jazzgottes Gnaden, auch schon fast drei Jahrzehnte unter der Erde.

Eigentlich lebt außer Golson mit Ausnahme des inzwischen musikalisch inaktiven Sonny Rollins keiner von den Musikern mehr, die der Tenorsaxofonist aus Philadelphia in seinen Erinnerungen erwähnt. Warum also sich stressen lassen! So greift Golson gelegentlich zum Instrument, spielt schöne alte Linien, nicht mehr immer ganz auf den Punkt, aber formvollendet authentisch. Und bleibt oft einfach auf der Bühne sitzen, um seinen für die italienischen Kollegen eingesprungenen Münchner Musikern zuzuhören, dem eloquenten, zuweilen etwas übereifrigen Pianisten André Schwager, dem pfiffig und humorvoll phrasierenden Bassisten Nils Kugelmann und dem hoch motivierten Schlagzeuger Sebastian Wolfgruber.

Da sinniert dann der alte Herr, hört zu, feuert an, oft aber einfach nur lächelnd den Blick in die Ferne gerichtet. Denn Benny Golson weiß: Er ist noch da. Er darf seine Musik, seine Anekdoten zum Besten geben, im Kreise junger, begeisterter Kollegen und vor einem Publikum, das ihn verehrt und seinen Ideen folgt. Was für ein Glück!

© SZ vom 13.03.2020
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