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Kurzkritik:Reines Hören

Rundfunkorchester und BR-Chor in einer Radio-Übertragung

Von Rita Argauer

Eigentlich findet "Paradisi Gloria", die formidable Reihe des Münchner Rundfunkorchesters für neue, sakrale Musik, in der lichten Herz-Jesu-Kirche statt. Für das erste Konzert der Saison unter Chef Ivan Repušić wich man nun in den schummrigen Herkulessaal aus. Doch zu sehen ist das alles nicht, denn es gibt nur eine Radioübertragung. Ein reines Hören von etwas, das live im leeren Saal stattfindet - eine seltsame Erfahrung, die aber das Programm des Konzerts auf irrlichternde Art erstrahlen lässt. Macht es einen Unterschied, ob man das so anhört oder eine CD-Aufnahme? Ja, denn man hört es zwischen den Sätzen knistern und rascheln. In minimalen Geräuschen überträgt sich die Anwesenheit des Orchesters, das hier erstmals seit Januar mit dem BR-Chor auftritt.

Die Musik des Konzerts, das eine Gratulation an Arvo Pärt zum 85. Geburtstag ist, ist großgestisch. Zwei Stücke Pärts rahmen das tolle zweite Cellokonzert "Klātbūtne" von Pēteris Vasks. Dass hier Uladzimir Sinkevich als Mitglied des Orchesters den Solo-Part übernimmt, ist eine schöne Geste. Und Sinkevich spielt die Partitur mit all ihrer Experimentierfreude. Gezupft wie ein Jazz-Bass beginnt es, fahle Töne, die im Raum verhallen. Als Gegensatz folgt die gestrichene Solo-Stimme umgarnend in warmem Dur. Die Gegensätzlichkeit ist Prinzip: Der zweite Satz beginnt geschlagen wie ein Heavy-Metal-Riff, es folgt auf dramatische orchestrale Vehemenz ein beinahe tanzendes, wildes Solo. Einheitlicher sind die beiden Werke Pärts. Der sanft mäandernde, düstere "Silouan's Song" und am Ende das monumentale, aber ebenso fließend komponierte "Stabat Mater". Wortlos fügt sich der Chor sanglich in das Fließen ein, bis das erste "Stabat" kräftig und unheimlich hervorbricht (abrufbar auf www.br-klassik.de).

© SZ vom 28.11.2020
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