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Kurzkritik:Rausch

Andreas Skouras spielt in der Ludwigskirche Modernes

Von Egbert Tholl

Es ist eine wundervolle Zusammenarbeit: Die Galerie Belleparais in der Schellingstraße präsentiert Konzerte in Kooperation mit der Münchner Gesellschaft für Neue Musik, die in Korrespondenz zur dort gezeigten Kunst stehen. Nun dürfen zwar sehr viele Menschen in der Schellingstraße in den Kneipen sitzen, aber kaum jemand darf die Galerie betreten. Deshalb zog man um fürs Konzert. In die Ludwigskirche. Was zu einem irren Erlebnis führt.

Denn dort spielt Andreas Skouras Cembalo. Das ist für ihn mit seiner lässigen, instinktsicheren, ungeheuer musikalischen Souveränität zwar ganz normal, aber nicht unbedingt in einem Raum, dessen enormer Hall die Musik mitgestaltet. Wenn Skouras die mehrheitlich stark motorischen, rhythmisch anspruchsvollen Stücke mit Verve interpretiert, legen sich die Klangschichten im Raum übereinander. Das Cembalo wird so fast zu einem analogen Synthesizer, mit dem Skouras einen irren Sog, einen profunden Rausch erzeugt.

Minas Borboudakis' "Hommage à Picasso" etwa würde immer mit einer rasanten Steigerung enden; nun wird diese zu einer Art Neuer-Musik-Punkrock. Zauberhaft poetisch der Beginn: Toru Takemitsus "Rain Dreaming" suggeriert tatsächlich die Vorstellung von Regentropfen, die eine Scheibe hinabrinnen, sehr schnell. Sie ändern die Richtung, fließen auch hinauf, kreuz und quer, halten inne. Skouras' Auswahl der sechs Komponisten ist erlesen. Ausgangspunkt für die Kooperation mit der Galerie Belleparais war Ligetis "Continuum", ein sturer, polychromer Sturm. Am Ende zerhackt Skouras sein Instrument mit Xenakis. Toll!

© SZ vom 26.06.2020
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