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Kurzkritik:Nordisch weich

Víkingur Ólafsson bei den Münchner Philharmonikern

Von Michael Stallknecht

Vor der Zugabe kommt das Bekenntnis: Wie viel schöner, anders es doch sei, wieder vor Publikum zu spielen als "vor der Kamera". Víkingur Ólafsson muss es wissen: Während des Lockdowns hat er jede Woche ein Konzert aus Reykjavík gestreamt. Der Isländer ist ein moderner Pianistentyp, bekannt für seinen innovativen Umgang mit Bach und Rameau, für seine unbefangenen Grenzüberschreitungen auch in die Welten der Neoklassik. Insofern ist es reizvoll, ihn nun bei den Münchner Philharmonikern im Gasteig mal mit einem echten Klassiker zu erleben, dem Klavierkonzert von Edvard Grieg.

Zu melden ist danach, dass Ólafsson das traditionelle Pianistenhandwerk blitzblank beherrscht: Virtuoses klingt klar und brillant, den langsamen Satz singt er mit feinem Legato aus, für poetische Momente sorgt ohnehin sein weicher, dabei leuchtender Anschlag. Und zur Zugabe, nach dem Bekenntnis, gibt es dann doch noch eine Bach-Bearbeitung: das Andante aus der vierten Orgeltriosonate in einer Transkription von August Stradal, die Ólafsson so romantisch, als anschwellenden Klangstrom spielt, wie sie gemeint ist.

Eingekauft ist er hier in klassischem Abonnementkonzertdenken als Nordlicht, ebenso wie der finnische Dirigent Santtu-Matias Rouvali, der die Philharmoniker im zweiten Teil - Pausen gibt es momentan noch nicht - durch die zweite Symphonie seines Landsmanns Jean Sibelius führen darf. Warum Rouvali, in Dirigentenmaßstäben vergleichsweise jung, derzeit ziemlich gehypt wird, lässt sich dabei bestens nachvollziehen: Eher groß dirigierend, wahrt er gelassen die Übersicht und disponiert genau den großformalen Aufbau. Mit scharfgeschnittenen Ecken und Kanten kommt Sibelius daher, nie pauschal romantisierend. Klug interpunktiert Santtu-Matias Rouvali zum Beispiel den langsamen Satz durch die Pausen, und zum wiederkehrenden Ohrwurmthema des letzten hält er die Mittelstimmen so transparent hörbar, dass es einem tatsächlich nie auf die Nerven geht.

© SZ vom 21.06.2021
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