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Kurzkritik:Neue Nähe

Streifzüge

Überschwänglicher Tabubruch: Carollina Bastos und Ariel Merkuri, die auch privat ein Paar sind, tanzen Tango. Mit aller physischen Konsequenz.

(Foto: Wilfried Hösl)

Zwei Mitglieder des Bayerischen Staatsballetts tanzen vor Publikum

Ob leidende Künstler die interessantere Kunst schaffen, da teilen sich die Meinungen. Dass sich aber aus einer kollektiven Erfahrung, wie es die aktuellen Beschränkungen für die Gesellschaft sind, andere ästhetische Erfahrbarkeiten ergeben, ist offensichtlich. Der Choreograf Maged Mohamed, der für zwei Tänzer des Bayerischen Staatsballetts mit "Tango between us" nun die erste Choreografie kreiert hat, die wieder vor Publikum getanzt wurde, macht sich das zu Nutze. Denn angesichts eines generellen Tabus von physischer Nähe, liegt genau darin ein ziemlicher Reiz. Die Erfahrung der Beschränkung birgt ein künstlerisches, und ja, auch ein erotisches Potenzial. Können, aber nicht dürfen, das steigert das Verlangen. Das kann zum Spiel werden oder zur ganz real berührenden Kunst. Im Tango. Oder zu Corona-Zeiten.

Die zweite Ausgabe der "Streifzüge" der Bayerischen Staatsoper findet im obersten Stockwerk des Nationaltheaters statt. Dort, im Ballettsaal, tanzen Carollina Bastos und Ariel Merkuri vor 20 Zuschauern. Das Setting ist einfach gehalten, sie trägt einen schwarzen Trainingsanzug, er eine Trainigshose zum nackten Oberkörper. Es beginnt im kühlen, fast klinischen Licht mit Trainingsschritten. Formalisiert. Klassisch. Und streng in der Körperhaltung. Ohne physische Nähe. Daraus entwickeln sich begehrliche Blicke, befeuert von der warmen, fülligen Musik: Tangos von Astor Piazzolla, arrangiert für Klaviertrio.

Konzipiert hat den Abend, der auch stark von der Musik her gedacht ist, die Staatsorchester-Geigerin Susanne Gargerle. Beim dritten Stück, dem unbändig stürmenden "Muerte del Angel", treten die Tänzer schließlich zurück. Die Musik drängt und will mehr und verändert den nachfolgenden Tanz. Die Tänzer kommen sich jetzt näher, verlassen zunehmend das klassische Schrittmaterial. Sie klopft keck mit dem Spitzenschuh auf den Boden, er gibt die Körperkontrolle auf. Am Ende folgt die Erlösung in Hebefiguren und schließlich in einer innigen Umarmung. So einfach. So (be)rührend.

© SZ vom 05.06.2020

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