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Kurzkritik:Mama Bavarias Standortwechsel

Luise Kinseher gelingt es, das mit Abstand verteilte Publikum im Innenhof des Deutschen Theaters zusammenzubringen.

(Foto: Rico Güttich/Deutsches Theater)

Bei der Eröffnung der Sommerreihe im Deutschen Theater kämpft Luise Kinseher erfolgreich mit den Umständen

Von Oliver Hochkeppel

"Corona ändert alles", wiederholt Mama Bavaria eingangs mantrahaft, während sie über die Kanzlerschaftsambitionen "vom Markus" ("Er regiert doch so gern") und seinen repräsentativen Auftritt mit Angela Merkel auf Herrenchiemsee räsoniert. Zumindest für ihren Auftritt, beziehungsweise den ihrer Rollenerfinderin Luise Kinseher, stimmte das: Der Auftakt zum "Sommer in der Stadt", dem Ersatzprogramm des Deutschen Theaters für den regulären Musical-Betrieb, brachte ihr wie dem Publikum eine neue Erfahrung. Mit einer Ausnahmegenehmigung durfte erstmals der Innenhof bespielt werden ("seit 1982 wurde uns das nie erlaubt", erzählt Geschäftsführer Werner Steer bei seiner kurzen Begrüßung), also waren flächendeckend Stuhlpaare mit ausreichend Abstand zueinander aufgestellt, und die Bühne war wie ein Guckkasten im Durchgang vor dem Haupteingang aufgebaut.

Kinseher musste also den Testlauf für diese neue Konstellation bestreiten, was ihr mehr Anstrengung als üblich abverlangte, wie sie hinterher berichtet: "Ich hatte immer das Gefühl, das Publikum suppt mir weg, ich musste richtig kämpfen und wäre am liebsten zu den Leuten heruntergestiegen." Zumal die niedrige Decke des Durchgangs Rückkoppelungen verursachte, und die Scheinwerfer die Bühne am ohnehin bislang heißesten Tag des Jahres zum Brutkasten machten. Wenigstens hatte Kinseher Glück mit einem niederbayerischen Pärchen in der ersten Reihe, das sich als idealer Sparringspartner für ihre Stand-Up-Einschübe erwies. Ohnehin konnte ihr Corona eines nicht nehmen: ihre bewährte Figuren-Riege.

Gehört Kinseher doch in die Kategorie des Typen-Kabaretts, das stark von der Schauspielerei lebt. So hat sie nicht nur einst ihre Magisterarbeit über Sigi Zimmerschied geschrieben, sondern das Handwerk selbst als Ensemblemitglied der Iberlbühne gelernt. Schon in ihrem ersten Soloprogramm "Ende der Ausbaustrecke" schlüpfte sie in ein gutes Dutzend Rollen, von der Klofrau über die Bestattungsunternehmerin bis zur Kommissarin. Viele andere hat sie über die Jahre ausprobiert, und seit einiger Zeit eine Art Stammbesetzung gefunden, mit denen sie das aktuellen Zeitgeschehen ideal aus verschiedenen Blickwinkeln sezieren kann.

Noch vom ersten Programm ist ihr die resolut-humorlose norddeutschen Rentnerin Helga geblieben, die stets ihren Mann Heinz sucht, um ihn zu kujonieren. Helga erweist sich in dieser Situation als perfekter Warm-Up: Wegen Corona machen sie und Heinz nun in Bayern Urlaub, unter Einhaltung aller Abstandsregeln natürlich: "Wir sind in zwei verschiedenen Zügen angereist, wohnen in zwei verschiedenen Hotels und bewegen uns immer in verschiedenen Laufrichtungen." Ohnehin sei Bayern so gut wie Ausland, sei es doch ganz anders als der Rest Deutschlands. Das ist dann auch das Stichwort für die Mama Bavaria, die übermenschliche Bayerngöttin, die Kinseher für das Nockherberg-Derbleckn erfunden hat. Bei ihr geht es logischerweise aus der Sicht von ganz oben um Heimat, Politik und Corona, einschließlich der Beschwerde über ihre bronzene Verkörperung an der Theresienwiese, die ihr so gar nicht ähnlich sei.

Den Perspektivwechsel vom Göttlichen zum Allzumenschlichen vollzieht dann "Mary from Bavary", Kinsehers schwer beschickerte Repräsentantin der Münchner Möchtegern-Schickeria. Da geht's nun um die Liebe, und nachdem sich Mary erst über die bayerischen "Oktoberfest"-Ehen der Vergangenheit ("weil man dem so gefundenen Partner durch Arbeiten aus dem Weg gehen wollte, ist Bayern wirtschaftlich so groß geworden"), dann über die modernen Anbahnungswege per Internet und die utopische Anhimmlung etwa eines Brad Pitt ausgelassen hat, folgt das Bekenntnis, es habe sie nun selbst erwischt: "Ich hab mich in den Aiwanger verliebt, in den Hubsi." Den Mann also, der "kein A aussprechen kann", der in Corona-Zeiten 90 000 Wischmopps für Bayern bestellt hat und dessen aktuelle Minister-Reden die Stoibersche Zehn-Minuten-Hauptbahnhof-Rede um Längen geschlagen hätten. So geht es fortan 90 Minuten munter hin und her, zwischen den Figuren, zwischen dem ersten Wirtshaus als Keimzelle Bayerns und erstaunlichen Gesangseinlagen. Bis man am Ende froh feststellen kann, dass Corona zum Glück nicht alles ändert.

© SZ vom 03.08.2020

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