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Kurzkritik:Letztes Idyll

Die Münchner Philharmoniker leuchten mit Andris Nelsons

Von Egbert Tholl

Vor dem Tischchen mit den wenigen derzeit gültigen Karten kommt es fast zu gefährlichen Zusammenrottungen. Schuld ist die pandemische Verwaltung. Am Vortag des Konzerts wurde der Antrag auf Sondergenehmigung abgelehnt, weshalb nur 50, nicht 500 Menschen das letzte Programm der Münchner Philharmoniker vor dem Lockdown hören können. Zwar wurden sofort alle Karteninhaber benachrichtigt, die wenigen glücklichen und die 450 unglücklichen, aber nicht jeder liest ständig seine Mails. So kommen nun Leute aus Augsburg oder dem Chiemgau, aber dürfen nicht hinein, wodurch man Zeuge wird, wie der kunstfeindliche Verwaltungsverwirrvirtuose Markus Söder mit langer Hand alles dafür tut, das treue Konzertpublikum zu vergraulen. Wobei man ja nach dem Willen von Angela Merkel nun eher irgendeinen Fetzen in der Fußgängerzone kaufen soll als eine Konzertkarte.

Das alles ist dann schnell vergessen, trotz der immensen Trostlosigkeit der fast aufs Nichts reduzierten Zuschauerzahl. Die auf dem Podium sind in der Überzahl, und sie spielen wundervoll. Debussys "Tanz der steirischen Tarantella" (heißt so!) ist ein ganz wunderzartes Erlebnis, schon ein Tanz, ja, aber so fein. Andris Nelsons und das Orchester spielen zusammen so, als habe eben eine Liebesheirat stattgefunden. Mit einem Repertoire durchaus eigenwilliger, kleiner Gesten formt er feinste Klanggebilde, zum Beginn von Beethovens sechster Symphonie ein bisschen zu zaghaft, aber mit dem zweiten Satz geht man hinein in ein Gemälde pastos leuchtender Farben.

Fabelhaft schöner Klang, die Bläser möchte man allesamt umarmen. Tschuldigung, darf man nicht. Das Ende ist eine Vollendung im Glück, die noch übertroffen wird mit dem nachfolgenden "Siegfried-Idyll", ein Klangwunder, vor dem vermutlich sein Schöpfer Richard Wagner selbst sprachlos wäre. Was ist, wenn dieses Glück nicht ist, kann man am kommenden Montag um 20 Uhr über Facebook und die Internetseiten diverser Orchester, dem der Staatsoper, des BRSO oder der Philharmoniker, aber auch aus Köln oder Berlin erleben: Nichts. Die Orchester nehmen mit Publikum die tödliche Stille auf, die herrscht, wenn die Kunst schweigen muss.

© SZ vom 31.10.2020

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