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Kurzkritik:Kunstfertig

Spaßmusiker Olli Schulz ist ein Meister der Show

Von Michael Zirnstein

Selten war Olli Schulz so witzlos: Auf der neuen Platte "Feelings aus der Asche" lässt er mehr gefühlsmäßig die Hose herunter. So sehr, dass sich selbst die FKK-Senioren im alten Nah-Tod-Erfahrungslied "Saunaaufguss in Lankwitz" overdressed vorkommen würden. Schon schön und echt, aber für die Bühne zu wenig. Dort, in der ausverkauften Muffathalle, ist er von der ungebremsten "Ich hab total Bock!"-Rede an und der Konfettikanone im ersten Lied ("So muss es beginnen") ganz der alte Showman. Dazu wurde er übrigens - herhören, alle "chronisch-ironischen" Olli-Neu-Fans! - nicht als TV-Comedian im Sog seiner "Buddys" Jan, Joko und Klaas in "Circus Halligalli" und "ZDF Neo Royal". Er wurde es in den 20 Lehrjahren davor als Roadie, Busfahrer, Show-Anheizer und selbst auftretender Liedermacher in Buden wie dem Münchner Netzer & Overath, wo man ihm beim Verstärker-Schleppen nachrief: "Ein netter Junge, schade, dass er ein bisschen zurückgeblieben ist."

Derlei erzählt der Hamburger gerne. Genüsslich teilt er die Peinlichkeiten seines Lebens - das gibt besonders viele Likes und LoLs. Ein Jugendfoto von Olli als Halbstarker mit Vokuhila und Metal-Shirt: "Na, ob ich da wirklich so ein geiler Typ war, wie ich dachte?" Ist er heute geiler? Nun, bei wem mit Kat Frankie eine australisch-berliner Szenesirene als Gitarristin und mit Gisbert zu Knyphausen der formidabelste Singer-Songwriter des Landes als Bassist einfach zwecks der Gaudi mitspielen (Swing, Country, NDW, Oldschool-Hip-Hop, Britsoulrock, Mike-Krüger-Pop, was eben gerade Laune macht), der hat's wohl drauf.

Aber wie sehr? Es kommt, wie Schulz doziert, nicht auf die Punktzahl von 1 bis 10 an, sondern auf die Skala. Also: Im Buddy-Vergleich erreicht er auf Gisberts Song-Magie-Skala die 5, auf Rockos Dandy-Skala 6, auf Thees' Schwärmerei-Skala 8, auf Funnys Kneipenbruder-Skala 5, auf Svens Romantik-Skala 6, auf Helges Erzählonkel-Skala 9, Tendenz steigend. Volle Punktzahl freilich beim nuschelnd unbeherrschten Olli-Schulz-Sein - von "Halt die Fresse, krieg'n Kind" zu "Ich fühle mich wie Morrissey" braucht er zehn Sekunden. Wobei er vergessen macht, dass gerade die saloppeste, menschelnste Witzigkeit die höchste Kunstfertigkeit verlangt. Darin ist er deutscher Meister.

© SZ vom 25.03.2015
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