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Kurzkritik:Kleine Oper ganz groß

Die Kluge, Gärtnerplatztheater

Kopf oder Herz? Die Kluge (hier in der Besetzung mit Sophie Mitterhuber) und der König (Matija Meić).

(Foto: Christian Pogo Zach)

Carl Orffs "Die Kluge" in reduzierter Fassung am Gärtnerplatztheater

Von Klaus Kalchschmid

Musiktheater auf einer Bühne, im Saal 200 Besucher nach mehr als vier Monaten Zwangspause: Während die Opernfestspiele abgesagt sind, spielt das Gärtnerplatztheater täglich neben Ballett und Konzerten ein paarmal Orffs "Die Kluge" und Brecht/Weills "Die Dreigroschenoper". Als hätte man's geahnt, kam im Herbst auf der Studiobühne eine reduzierte Fassung der Orffschen "Anti-Oper" von Wilfried Hiller und Paul Leonard Schäffer in der Regie von Lukas Wachering heraus. Sie reduziert das Instrumentarium auf ein Viertel, bewahrt aber Essenz und Farbigkeit des Originals. Dieses Kammerorchester passt jetzt mit den gebotenen Abstandsregeln gut in den Graben und spielt unter Leitung von Oleg Ptashnikov die so eingängige wie radikal zu den Wurzeln des Theaters zurückkehrende Partitur höchst effektvoll und plastisch.

Der Vorhang ist schon offen, wenn das Publikum im Gärtnerplatztheater seine mit viel Abstand verteilten Plätze einnimmt und eine schwarze stählerne Freitreppe auf rot schillerndem Boden sieht. Sie führt zu einem Thron, über dem ein verzweigter, in Pech getauchter dicker Ast wie ein Damoklesschwert schwebt (Bühne und Kostüme: Stephanie Thurmair). Das passt gut für die Geschichte von der Klugen, die einen König zum Narren hält. Der wird sie nicht los, als er sagt, sie solle das ihr Liebste in eine Truhe packen und verschwinden. Denn am Morgen findet er sich selbst darin. Da lobt er den Verstand der jungen Frau, was die mit den Worten zurückweist, sie habe sich nur verstellt, denn gleichzeitig klug sein und lieben sei nicht möglich. Sagt's, schnappt sich die Krone und besteigt den Thron. Erstmals singt Jennifer O'Loughlin "Des Bauern Tochter" und stellt mit fein leuchtendem Sopranglanz perfekt die gespielte Naivität dar.

Richtig froh macht den Hörer auch alles kernig Männliche: Jeder herrlich klangvoll herausposaunte Ton des Bassbaritons Matija Meić als König und der freche, den Comedian Harmonists abgelauschte Gesang von Daniel Gutmann (Mann mit dem Maulesel), Gyula Rab, Stefan Bischoff und Holger Ohlmann (Drei Strolche). Levente Páll (Der Bauer), Martin Hausberg (Der Kerkermeister) und Juan Carlos Falcón (Mann mit dem Esel) machen ihre Sache ebenfalls ausgezeichnet. Am Ende glückliche Gesichter auf und jenseits der Bühne über eine kleine Oper, die derzeit groß rauskommt.

© SZ vom 18.07.2020

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