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Kurzkritik:Hypnotisch

Die Komponistin Justė Janulytė lässt das Kammerorchester atmen

Von Paul Schäufele

Mit "Pneuma" hat das klassische Griechisch ein gemeinsames Wort für Geist, Seele und Atem. Die Wortbildung "Apnoe" (bzw. "Apnea" im Englischen) kam später, denn dass es neben Einatmen und Ausatmen noch eine dritte Möglichkeit gibt, spielte für die antike Philosophie keine große Rolle. Dem Dritten, der Schwellensituation, dem Nicht-Atmen hat die litauische Komponistin Justė Janulytė eine Komposition gewidmet, Auftragswerk der "musica femina münchen". Dabei ließ sie sich inspirieren vom Bild des Tauchers ohne Sauerstoffgerät, der immer tiefer ins Wasser sinkt. Diese Figur, das Absinken in einen tiefen, einfarbigen Raum, wird vom Münchener Kammerorchester hörbar gemacht.

Janulytė lässt dazu ausgehend von kleinsten Veränderungen des Streichertons ein über Minuten gedehntes Crescendo entstehen, bei dem verschiedenste Spielweisen zu einem dynamischen Raumklang zusammentreten. Bisweilen meint man, Melodiefragmente herauszuhören, die sich aus dem organischen Ineinandergreifen von aufsteigenden und absteigenden Linien ergeben. Die Wirkung ist hypnotisch. Die Komponistin erntet dafür zurecht Bravo-Rufe.

Der dichten "Apnea" folgen zwei benachbarte Werke Mozarts. Im C-Dur-Klavierkonzert (KV 503) führt Francesco Piemontesi Mozarts integrativen Anspruch vor, im Kopfsatz aus der Nullform eines C-Dur-Allegros eine Versammlung interessanter Charaktere zu machen. Nur manchmal gerät das pianistische Skalenwerk etüdenhaft, was ebenso Mozarts wie Piemontesis Schuld ist. Der brilliert ohnehin eher in den leisen Stellen, wenn sich der Satz himmelweit von der Ausgangstonart entfernt und zum harmonischen Farbenspiel einlädt. Mit der "Prager Sinfonie" zeigt Clemens Schuldt zum Abschluss, dass das Münchener Kammerorchester plus Mozart eine explosive Mischung ergibt: scharfe Akzente und Paukenknall - Don-Giovanni-hafte Dramatik.

© SZ vom 19.06.2021
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