Kurzkritik:Hoffentlich nicht für die Ewigkeit

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Hier liest der Chef: Staatsopernintendant Nikolaus Bachler trägt 50 Zuhörern Ausschnitte aus "Jedermann" von Philip Roth vor. (Foto: Wilfried Hösl)

Die Bayerische Staatsoper präsentiert ein neues coronagerechtes Spielformat

Von Egbert Tholl und Eva-Elisabeth Fischer, München

Die Lösung - neben den Mittwochsstreifzügen - heißt nun "Fester Samstag" oder "Freier Sonntag": Die Bayerische Staatsoper bittet jeweils 50 Zuschauer an den Wochenendtagen zu sich, bis Ende Juni, dann geht es in die vorgezogene Sommerpause, aus der man mit Elan zurückkehren will. Den ersten Samstag bestreitet Intendant Nikolaus Bachler selbst mit: Er liest aus "Jedermann" von Philip Roth, einer neuzeitlichen Paraphrase vom eher beiläufigen Sterben eines Mannes, der durch sein eigenes und das Leben anderer Menschen treibt. Danach kommt tosender Applaus vom Band, man blickt in den imposanten Zuschauerraum des Nationaltheater und obwohl man mit 49 anderen sehr gut voneinander separiert auf der Bühne sitzt, kann man nicht umhin zu registrieren, dass die Dame neben einem Fotos mit ihrem Handy macht. Corona senkt manchmal auch den Anstand.

Danach singt Bariton Michael Nagy Frank Martins "Jedermann-Monologe" mit hinreißender Theatralik und kompromissloser Unabdingbarkeit, begleitet von Sophie Raynaud am Klavier. Zwischen den Gesängen unsichtbare Stimmen höherer Wesen, in den Liedern selbst das aufwühlende Erleben eines Zerrissenen, dem nur der eigene Atemschutz im Weg ist, der einem die Luft raubt und die Brille beschlagen lässt.

Der erste "Freie Sonntag " der Reihe mit "Tanzanweisungen" ist dann die Uraufführung eines Tanzsolos des Choreografen Moritz Ostruschnjak. Zwei grelle Scheinwerfer geben verlöschend den Blick für 50 Augenpaare frei auf den leeren Zuschauerraum des Nationaltheaters. Auf ein leuchtgasröhrenumkränztes Podest pumpt sich ein schmaler Mensch, mit Basecap, senfgelbem T-Shirt und knallroten Boxershorts eine Karikatur seiner selbst, auf zur triumphierenden Siegerpose. Sie gilt wohl dem handbeschriebenen stummen Verkäufer, der als "News" verkündet: "It won't be like that forever". Der Tänzer aber, er heißt Daniel Conant und stammt aus Toronto, reißt die Arme hoch und fängt an zu schuhplatteln, schlägt wechselnde, immer komplexere rhythmische Beats auf Brust, Bauch und Schenkel, stampft mit Sneaker-beschuhten Füßen, springt und dreht sich dabei wie ein Schachterldeifi. Und zwischendurch fährt ihm, so ganz nebenbei, der rechte Arm hoch. Der plattelnde Mensch ohrfeigt sich selbst dafür.

Conant verausgabt sich satte 15 Minuten lang in akrobatischen Körperverdrehungen, dribbelt wie Muhammed Ali, demonstriert eine Vielfalt kniffeliger Ballettschritte und Posen. Er demonstriert Ballett als Körperertüchtigung, das, was Tänzer seit der Krise eisern daheim exerzieren für den Tag, an dem all das, was sie können, wieder einmal zur sichtbaren Kunst verschmilzt. Nach solcher Verausgabung hat Conant Atempause zu Simon & Garfunkels "Sound of Silence". Dann greift er wieder an, diesmal mimt er zu den vorwärtstreibenden Ostinati von Strawinskys "Sacre" das barmende Opfer. Erklärt sie nun auch, die vertrackten Schrittkombinationen. Die "Tanzanweisungen" erfolgen, logisch, zu "Tanz den Mussolini" von DAF, wo es ja auch heißt, "Tanz den Adolf Hitler". Und weil man sich als Tänzer sowieso dem Diktat permanenter Selbstausbeutung unterwirft und Corona noch einmal ganz andere Unterwerfungsrituale fordert, trägt Moritz Ostruschnjak am Ende die gute erste von drei Nachrichten an 50 frenetisch applaudierenden Zuschauern vorbei, wonach ja alles nicht ewig so sein werde wie jetzt.

© SZ vom 09.06.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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