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Kurzkritik:Hallo, ist da wer?

Bei "Resi ruft an" lesen Schauspieler Texte am Telefon vor

Punkt 17 Uhr klingelt das Telefon. Lisa Stiegler ist dran, Schauspielerin am Residenztheater. 17 Uhr ist zwar nicht wirklich Theaterzeit, aber normalerweise rufen einen Schauspieler ja auch nicht zuhause an, daher passt das auch schon wieder. Was man denn gern hören würde, fragt sie freundlich, vielleicht einen Textauszug aus "Leonce und Lena" oder ein Kapitel aus ihrem aktuellen Lieblingsbuch "Die Nachkommende" von Ivna Žic. Beides, warum nicht, wenn man schon mal die Gelegenheit hat. Also legt sie los.

Anfang April startete das Residenztheater "Resi ruft an", ein so simples wie charmantes Format. Schauspieler rufen bei Menschen zuhause an und lesen Texte vor. Wer will, kann ein paar Fragen stellen oder sich einfach direkt verabschieden. Das ganze Ensemble ist dabei, knapp 1000 solcher Vorlese-Anrufe haben sie in den vergangenen Wochen schon gemacht. Inzwischen gibt es das Format auch speziell für Kinder. Über die Webseite des Theaters wählt man einen Zeitraum aus, zu dem man erreichbar ist. Wer einen dann anruft, ist dem Zufall überlassen. Diese Woche startet eine neue Runde.

Lisa Stiegler ans Telefon zu bekommen jedenfalls ist ein hervorragender Zufall. Die gebürtige Münchnerin ist seit Herbst am Residenztheater, sie spielt etwa in "Der Riss durch die Welt" oder Thom Luz' "Leonce und Lena". Sie liest zunächst aus "Die Nachkommende", das ist die Geschichte einer jungen Frau, die im Sommer in ihre Heimat Kroatien zurückkehrt und an einen Mann denkt, den sie liebt oder mal geliebt hat. Man hört am Besten still sitzend zu, oder aus dem Fenster schauend, wo ja gerade auch alles nach Sommer aussieht. Dann macht sie weiter mit einem Text aus "Leonce und Lena", den sie mehr vorspielt, an einer Stelle untermalt mit für die Inszenierung komponierte Klaviermusik.

Wo zur Zeit die meisten Theater damit beschäftigt sind, möglichst viel möglichst digital zu liefern, hat sich das Residenztheater mit seinem digitalen Angebot wie etwa dem Streaming bestehender Aufführungen bisher zurück gehalten. "Resi ruft an" fühlt sich auf gute Weise fast analog an. Wenn man sich schon nicht richtig sehen kann, konzentriert man sich eben gleich auf die Stimme, dieses schauspielerische Zaubermittel. Durch den eins-zu-eins Kontakt und die Intimität der menschlichen Stimme im Ohr kann wieder jene Nähe zwischen Künstler und Zuhörer entstehen, die sich übers Netz oft so schwer herstellen lässt.

© SZ vom 27.04.2020

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