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Kurzkritik:Großartige Chansons von Stefan Noelle

Von Oliver Hochkeppel

Wie im Moment so oft wurde aus der Beschreibung ein Wunsch: Von der "warmen Nacht in München" sang Stefan Noelle zum Auftakt seines Konzerts. Doch es war kühl und regnete, und so befand man sich nicht im Innenhof der Ebenböck-Villa, sondern in der mit nur für 50 Gäste bestuhlten Wagenhalle der Pasinger Fabrik. Mehr geht nicht, wie derzeit so oft, Noelle berichtete nachher davon, stellvertretend für viele Kollegen: Mit gut 90 Auftritten in dieser Saison hätte er so viele gehabt wie noch nie, das "hat sich aber im März alles pulverisiert". Und obwohl jetzt das eine oder andere wieder hereinkommt, wird der Auftritt in Pasing wohl vorerst das einzige Konzert mit seinem Quartett bleiben. Mit Max Braun an Flöte und Bassklarinette wird es ein paar Duette geben, Gitarrist Adrian Reiter und Bassist Wilbert Pepper aber müssen dann zu Hause bleiben.

Was höchst bedauerlich ist, nimmt man diesen rundum wundervollen Chanson-Abend zum Maßstab. Noelle ist ja ein Mann der vielen Gesichter: Eigentlich gelernter Jazzdrummer, was er noch als Einspringer wie als mitspielender Gastgeber seiner Reihe am Ackermannbogen pflegt; außerdem Spezialist für arabische Rahmentrommel, was ihn auch für Weltmusiker interessant macht; den großen Bogen spannt er im Theatergraben oder im unverwüstlichen Kult-Duo "Unsere Lieblinge".

Seine Bestimmung aber hat er als Chansonnier gefunden, als "Spätzünder", wie Noelle selbst sagt. Wäre das Genre heute nicht zwischen Befindlichkeitspop und Hip-Hop zerrieben, wäre Noelle so groß wie einst Reinhard Mey oder auch ein Ulrich Rosky. Denn ob Frivoles, Lustiges, Nachdenkliches oder gar Politisches, Noelle verpackt seine mit viel Lokalkolorit - etwa im großartigen Song "Olympiapark" über die unter ihm schlummernde Stadtgeschichte - angereicherten Ideen sprachlich-musikalisch so bezwingend wie kaum ein anderer. Und das "Meinetwegen im Regen", wie der Titelsong seines bislang einzigen Albums lautet. Auch das geplante neue bleibt im Moment ein Wunsch.

© SZ vom 20.07.2020

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