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Kurzkritik:Genial gestört

Der anspruchsvolle Stream des Solo-Trompeters Simon Höfele

Von Dirk Wagner

Zu Beginn der Pandemie war der Live-Stream nur Ersatz. Mittlerweile ist er künstlerisch so gereift, dass es schade wäre, wenn diese Präsentationsform mit dem Wiedererstarken der "echten Konzerte" in Vergessenheit geriete. Darum plädiert der Trompeter Simon Höfele in seinem von der Versicherungskammer-Kulturstiftung organisierten Internet-Auftritt für künftige Kombinationen von Stream- und Präsenz-Konzerten. Dass er sich nämlich nach der Darbietung von Kaan Bulaks "Fantasy" via Internet mit dem Komponisten über jene "elektronisch gestörte Solo-Performance für Trompete" unterhalten kann, ist den Zuschauern nicht nur eine Wissensbereicherung, sondern auch eine Auflockerung des Konzerts.

Wobei dieses gemessen an den sehr anspruchsvollen zeitgenössischen Werken von Giacinto Scelsi ("Four Pieces for Trumpet"), Matthias Pintscher ("Shining Forth") und eben Bulati ohnehin erstaunlich "locker" gerät. Dabei operieren alle drei Beispiele einer zeitgenössischen Musik für Solo-Trompete mit einer Ästhetik, die mit Schönheitsbegriffen herkömmlicher Hörgewohnheiten kaum zu fassen ist.

Gerahmt wird dieses erfrischend fordernde Programm von zwei Gershwin-Klassikern: "Rhapsody in blue" und "An American in Paris", arrangiert für Trompete und Konzertflügel. Der Flügel wird von Frank Dupree gespielt. Sein Vermögen, ein Orchester auf zehn Finger zu verteilen, die virtuos über die Tasten rasen, arbeitet die Harmonien klarer als im Original heraus und bietet so ein ganz neues Gershwin-Erleben. Dieses wird von einer Trompete gekrönt, die der Klangmagier Höfele auch mal in eine Taxihupe oder in eine Klarinette zu verwandeln weiß.

© SZ vom 14.05.2021
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