Süddeutsche Zeitung

Kurzkritik:Freudenfest

Gergiev dirigiert die Philharmoniker wieder live

Von Egbert Tholl

Jetzt darf man auch wieder in die Philharmonie, und wenn man dann mit ein paar Hundert anderen darin sitzt, ist man erst einmal irritiert. Nicht deshalb, weil es eben nur ein paar Hundert sind, die zuhören dürfen, sondern weil man tags zuvor auf der Baustelle der Isarphilharmonie war, die schon im Rohzustand eine ganz andere Intimität und mögliche Konzentration auf die Musik vermittelt. Hier nun stehen zwei kleine Männlein vor dem unendlich weit entferntem Orchester, Intendant Paul Müller und Chefdirigent Valery Gergiev, die an sich gar nicht so klein sind, sie sind nur weit weg. Und freuen sich.

Auch die Münchner Philharmoniker haben allesamt ein breites Grinsen der Freude im Gesicht. Ja, es geht wieder was. Erst einmal Schumanns "Konzertstück für vier Hörner und großes Orchester", das allein wegen des Einmarsches eben der vier Hörner großartig ist: drei Damen und ein Herr, vorneweg Maria Teiwes, die hereinkommt, als wolle sie ein volles Bierzelt aufmischen. Das passiert dann nicht, eher wirkt das Stück wie ein Jagdausflug in symphonische Gefilde, zu dem Gergiev nicht sonderlich viel Erhellendes einfällt, wobei so ein erhellender Einfall bei diesem Stück gar nicht so selbstverständlich ist.

Monate Stille, aber bei Gergiev und dessen Changieren in der interpretatorischen Intensität hat sich nichts geändert. Schumanns Noten schaut er im Konzert an, als sähe er sie das erste Mal, danach erschafft er absolut Großartiges. Schuberts achte Symphonie, die große C-Dur, beginnt wie ein langes, betörendes Lied, feierlich, warm und innig, das Orchester spielt vorsichtig, aber mit höchster Aufmerksamkeit. Im zweiten Satz baut Gergiev mit souveränem Blick fürs Ganze eine fabelhafte Steigerung bis zur Generalpause, danach ist alles wunderleicht und fliegt wie ein Gedicht über eine Frühlingswiese. Das Ganze endet dann mit einem echten Freudenfest in vierten Satz, anfangs noch von Skepsis begleitet, dann frei und überschäumend, wundervoll beglückend. Ein Effekt, der nur live möglich ist.

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Quelle:
SZ vom 25.05.2021
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