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Kurzkritik:Experimentierset

Spannend: "Friends of Gas" im Olympiastadion

Von Dirk Wagner

Circa 60 Mal schlägt Thomas Westner den immer gleichen Gitarrenakkord, der nachhallt wie die esoterisch anmutenden Schwingungen einer Klangschale. Zwischenrufe aus dem Zuschauerraum im nördlichen Teil des Olympiastadions signalisieren derweil, dass sich selbst Freunde der gerade spielenden Friends Of Gas von solcher fünfminütigen Klang-Meditation überfordert fühlen. Dabei fällt diese in der Studioversion sogar doppelt so lang aus. Umso erlösender wirkt danach Veronica Burnuthians intervenierender Gitarrenriff, mit dem auch die restliche Band wieder in den Post-Punk einsteigt, der zu Beginn der Show zu hören war. Da spielten sie ihre komplette EP "Carrara" live ein, quasi als Prolog, bevor Friends Of Gas sich den Stücken von ihrem neuen Album "Kein Wetter" widmeten.

Dabei unterstützt sie auch eine Gastmusikerin auf Synthesizer, die salopp als "Eleni aus Berlin" angekündigt wird. Dass besagte Eleni, genauer Elena Poulou, auch in der legendären britischen Avantgarde-Rock-Band The Fall ihres 2018 verstorbenen Gatten Mark E. Smith mitgewirkt hatte, bleibt indes unerwähnt. Doch genau solche Zurückhaltung unterstreicht das Understatement, mit dem die Band wie beiläufig den vielleicht spannendsten Sound der Stadt liefert. Einen Sound, der die hypnotisierenden Repetitionen eines Krautrock á la Can mit der rhythmisch getriebenen Experimentierlust einer Post-Punk-Musik im Jetzt vereint.

Wenn Friends of Gas schließlich in der Zugabe auf einen Song ihrer im April 2016 auf Musikkassette erschienenen ersten EP zurückgreifen, schließt sich auch der Bogen zur Vorband Pirx, deren erstes Four-Track-Album am 14. August beim neuen Münchner Label Kommando-84 auch auf Kassette erscheinen wird. Vertrackte Rhythmen treiben hier herrlich verschwurbelte Gitarrenfiguren an, über die die Sängerin und der Sänger mal zweistimmig, mal wechselseitig ihre Stimmen entfalten. Dazu erklingt ein Klavierspiel, das vorproduziert zugespielt wird, weil die Keyboarderin zum Konzert selbst im Urlaub ist. Solche Vorproduktion engt den Rahmen der ohnehin komplexen Musik zusätzlich ein. Mit welcher Leichtigkeit die Band um die Candellila-Gitarristin Lina Seybold aber auch solche Herausforderung meistert, erinnert an Bergziegen, die über Steilwände tänzeln, als wären sie von jeder Schwerkraft ausgenommen.

© SZ vom 06.08.2020

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