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Kurzkritik:Erwachsen werden

Alice Merton singt im Technikum

Obwohl sie in Frankfurt geboren wurde, erlebte Alice Merton ihre Kindheit in Kanada. Darum war es auch eine sprachliche Herausforderung, als sie mit 13 Jahren nach München kam. Trotzdem ging sie auf das Theresia-Gerhardinger-Gymnasium, wo sie das Songwriting-Seminar des Musiklehrers Stefan Flierl besuchte. Im ausverkauften Technikum findet Merton nun lobende Worte für den Lehrer, den sie im Publikum entdeckt. Das ist bemerkenswert, weil Flierl zu dem Zeitpunkt in der letzten Reihe steht. Ihr allererstes Konzert hatte die mittlerweile in Berlin lebende Musikerin übrigens in der Münchner Glockenbachwerkstatt gegeben. Wenige Jahre später wird sie international gefeiert.

Das ist umso erfreulicher, weil sie damals keine Plattenfirma wollte, wie Merton erzählt. Darum startete sie mit ihrem Manager ein eigenes Label. Die geschäftstüchtige Merton aber wirkte auch noch als Jurorin neben Mark Forster und Sido in der TV-Show "The Voice Of Germany" mit, und zu ihrem jugendlichen Publikum kommen nun auch jene Familienausflügler, die kleinen Kindern erste Pop-Konzert-Erlebnisse bescheren. Etwa der achtjährigen Leni, die auf der Schulter ihres Vaters thronend aufmerksam beobachtet, wie die Sängerin sich ans Klavier setzt, um nun ohne Band-Begleitung sowie ohne die unterstützenden Streicher der Studioversion "Back To Berlin" zu singen.

Intim wirkt diese sehr ursprüngliche, rohe Live-Version des Songs. Anders als die erfolgreiche Single "No Roots", in der die 26-Jährige sich als Entwurzelte darstellte, thematisiert sie hier auch Heimatgefühle. Mit einer Melancholie, die aber schnell wieder jener Fröhlichkeit weicht, mit der Merton in der Zugabe fragt, wie alle so verdammt seriös werden konnten. So sei man schließlich nicht aufgewachsen. Beobachtet man im Konzert dabei das Zusammenspiel der Eltern mit ihren Kinder, wird allerdings klar: Seriosität, Verantwortungsgefühl und Albernheit schließen einander nicht aus.

© SZ vom 25.02.2020
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