bedeckt München 11°
vgwortpixel

Kurzkritik:Erotika

Die Philharmoniker spielen Debussy und Wagner

Wie viel Richard Wagner steckt in Claude Debussy? Das war die erste spannende Frage an diesem Abend in der Philharmonie im Gasteig. Denn Valery Gergiev eröffnete ein ungewöhnliches Programm mit seinen Philharmonikern mit einem ungewöhnlichen Werk: "Le Martyre de Saint Sébastian" von Debussy. In einer konzentrierten Fassung als viersätzige Orchestersuite verbreitete es die symbolistisch aufgeladene D'Annuzio-Vorlage als schwüles Erotikon zwischen dunkler Klangmystik und religiösem Voyeurismus - fast schon im Tristan-Ambiente. Damit wurde es von der morbiden Pianissimo-Lyrik des "Lilien-Hofes" bis zum theatralischen Forte-Finale zu einem genialen Prélude für den nächsten Klangsensualisten. Mit dem stellte sich die andere spannende Frage: Wie würde der versierte Adept von Prokofjew und Schostakowitsch mit einem originalen Wagner umgehen? Denn jetzt ging es um das Herzstück des "Tristan", den Zweiten Aufzug, wo sich in der verhängnisvollen Verschränkung von drogengezeugtem Liebesrausch und Freundes-Treuebruch ein anderes, dramatischeres Erotikon entfaltet. Sein Beginn gelang den höchstbesetzten Philharmonikern als Opernorchester aber wenig: zu rau der Klang und im Forte für die Sänger oft zu laut, dazu das nüchterne Ambiente einer grell ausgeleuchteten Bühnenszene mit Textmonitor.

Aber nach der warnenden Brangäne (intensiv: Yulia Matochkina) stellte sich im zauberischen Dialoggesang "O sink hernieder, Nacht der Liebe" zwischen Tristan (mit heller Leidenschaft: Andreas Schager) und Isolde mit dem strahlenden Sopranglanz von Martina Serafin nach und nach die Magie des musikalischen Wagner-Idioms ein. Ergreifend: Mikhail Petrenko in der Klage des Königs Marke und präsent Miljeno Turk als Kurwenal und Melot. Besonders zum Gelingen trug die Bläserriege bei, Hauptakteur im Wagnerschen Klangkolorismus, sensibel modelliert in Dynamik und den Tempi von Maestro Gergiev.

© SZ vom 24.01.2020
Zur SZ-Startseite