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Kurzkritik:Einfach weg

Roland Düringer

Ein seltener Gast auf deutschen Bühnen: Roland Düringer.

(Foto: Ernesto Gelles)

Roland Düringer träumt im Lustspielhaus

"Es ist Zeit. Zeit zu schweben. Zeit, wirklich frei zu sein und den Bodenkontakt der Reifen zu spüren, die für Ihr Abenteuer den nötigen Grip bieten. Das Motorrad unter Ihnen ist ein Werkzeug. Zusammen sind Sie eine Einheit. Das ist die Africa Twin. Für die Fahrt Ihres Lebens." Womöglich war es diese blumige Produktwerbung, die Roland Düringer zu seinem 13. Soloprogramm "Africa Twinis" inspiriert hat. Motorsportverrückt genug, um sich solche Prosa zu geben, ist der Mittfünfziger ja. Aber natürlich geht es im Lustspielhaus nicht um Hubraum und Kubik, sondern um den gescheiterten Traum vom Leben, um eine arme Sau, die es nicht schafft, über ihren Schatten zu springen. Oder etwa doch?

Was der in Österreich weltbekannte Düringer auf die Bühne zaubert, ist ganz großes Theater. Ein Zwitter aus Hörspiel und Einpersonenstück, ein Lehrstück über innere Kämpfe und nie erfüllte Sehnsüchte. Der Plot: Zwei junge Waldviertler wollen mit ihren 250ern nach Dakar knattern, Endpunkt der legendären Rallye. 14 978 Kilometer vor dem Ziel endet die Reise mit Kolbenzwicker und kaputtem Kupplungshebel sowie der Erkenntnis: "Dakar is ned ums Eck." Das war 1986. Danach entwickelt sich der eine zum weltenbummelnden Söldner, der andere zum maximal spießigen Banker, Abteilung Risikomanagement, der nie von der Mama weg kommt, auch nicht nach ihrem Tod. Was bleibt, ist der Traum von der Wüstentour - die plötzlich doch realisiert werden soll.

Die Auflösung: Der Midlife-Crisis-Warmduscher hat sich den coolen Buddy nur imaginiert, macht sich im letzten Bild aber doch noch auf den Weg - wie schön. Ein Jammer, dass Düringer sich so selten über die Grenze wagt. Dabei zeigt er vollen Einsatz: Vor ein paar Tagen ist er von der Leiter gestürzt und hat sich die Schulter gebrochen. Egal, der Mann lebt seinen Traum: schauspielen und Geschichten erzählen. Falls noch jemand die Dakar auf dem Zettel hat: Die Africa Twin gibt's ab 14 230 Euro.

© SZ vom 14.03.2020
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