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Kurzkritik:Der Abschweifer

Torsten Sträter will sein neues Programm vorstellen - eigentlich

Von Oliver Hochkeppel

Es war wahrscheinlich schon ein besonderes Vergnügen, von ihm als Herrenausstatter, Mobilfunkvertreter oder Speditionsmitarbeiter betreut zu werden. Solche Jobs hat Torsten Sträter gemacht, bis er übers Schreiben und die Poetry Slams in den späten Nullerjahren endlich seine wahre Bestimmung fand: die Republik zu bespaßen. Witzig muss er schon immer gewesen sein. Manchen Menschen ist da einfach etwas mitgegeben. Bei Sträter ist es besonders viel: Das natürliche Talent, die Komik einer Situation zu erkennen. Die spontane Auffassungsgabe, damit gedanklich zu spielen. Das Sprachgefühl, das im Ausdruck noch witziger zu machen. Diese sonore, ausdrucksvolle Stimme, die höchstens ein Jochen Malmsheimer toppt. Dazu noch die Fähigkeit, selbst beim größten und lustigsten Scheiß ernst bleiben zu können, was Sträter gerade erst als Sieger bei "Last One Laughing" demonstrierte, dem Amazon-Stream-Sechsteiler, der sich als witzigstes Comedy-Format seit langem erwies.

Natürlich sind seine Programme an Geschichten aufgehängt, eigene Erlebnisse und Erfahrungen meist, eine Zugfahrt, ein Tankstellenbesuch, ein Satz seines verstorbenen Vaters oder auch nur das Sammeln von Steuerbelegen. Aus solchen kleinen Dingen macht Sträter dann viele noch kleinere, stellt sie in absurde Versuchsanordnungen und legt ihre verborgene Komik frei. Aber seine eigentliche Stärke liegt im Momentanen, Spontanen, Schnellen, in der meisterlichen Kunst des Abschweifens. Mit Helge Schneider hat er außer der Herkunft aus dem Ruhrpott gemeinsam, dass seine Programme kein Programm, keinen festgelegten Bogen haben, sondern ein improvisiertes Sammelsurium darstellen, dessen Titel deshalb auch herzlich egal sind. "Schnee, der auf Ceran fällt" heißt Sträters neues, das er jetzt "mit 14 Monaten Verspätung", wie er eingangs sagt, im Innenhof des Deutschen Museums präsentierte. Selbstverständlich kommt darin weder Schnee noch ein Ceranfeld vor.

Stattdessen genießt Sträter erst einmal ausführlich die Situation, wieder vor Publikum auftreten zu können. "Sie können sich das nicht vorstellen. Ich war richtiggehend demontiert." Man glaubt ihm das schnell, angesichts der Demütigung bei den Ersatzbeschäftigungen wie Autokino- oder Fernsehshow-Auftritten, von denen er in bewährter Manier erzählt. So geht's dann vom Hölzchen zum Stöckchen. Gerne führt sich Sträter selbst ad absurdum: Postuliert, dass "das C-Wort nicht vorkommen wird", um dann doch auf Corona einzugehen; schöpft viel Material aus Erlebnissen mit seinem Sohn, obwohl der nicht erwähnt werden soll. Nach einer Dreiviertelstunde verspricht er, dass es jetzt wirklich mit dem neuen Programm losgehe; nach rekord-verdächtigen zwei Stunden ist alles vorbei, ohne dass dies fühlbar passiert wäre. Is ja egal, kann man da nur mit ihm sagen. Es war bereits sein zweiter Auftritt an diesem Tag, trotzdem hätte Sträter wohl, wenn es erlaubt gewesen wäre, einfach weitergemacht. Keiner hätte etwas dagegen gehabt.

© SZ vom 09.06.2021
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