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Kurzkritik:Beinarbeit

Josef E. Köpplinger plaudert mit den Kessler-Zwillingen

Von Eva-Elisabeth Fischer

"Beine hoch ist nicht alles", sagt Alice. Recht hat sie. Aber mit 83 noch das Bein hinters Ohr klemmen zu können und das zu zweit und stets synchron, das lässt rückschließen auf eine lebenslange, auch grausame Disziplin. Die Rede ist von den ehernen Zwillingen Alice und Ellen Kessler. Die beiden sind neben Erwin Windegger Josef, Sänger und Schauspieler am Haus, Josef E. Köpplingers Gäste in der sechsten und letzten Episode des musikalischen Talks "Hinter dem Vorhang" auf der Bühne des Gärtnerplatztheaters. "Uns fehlt nichts", lautet Ellens lapidarer Kommentar zu Corona, dessentwegen dieses Gesprächsformat als Videostream überhaupt erfunden wurde. Die Kesslers, sie sind die leibhaftige Antwort auf Nazideutschland, geboren 1936 in Leipzig, auferstanden aus den Ruinen mithilfe amerikanischer Peanut-Butter, dann Verkörperung des Wirtschaftswunders, indem sie ihre langen Beine in "Nur die"-Strümpfen kickten und dabei längst schon als deutscher Fräuleinwunder-Export in Paris im Lido und in Las Vegas gefeiert wurden.

Natürlich versteht es der Köppi mit seinem Käppi, seine Gäste wie je charmant zu präsentieren. Er betreibt sehr geschickt Eigenwerbung für das Gärtnerplatztheater als Musical-Bühne, auch mit einem Potpourri als Einspieler. Und Windegger live, dessen Karrieretraum dortselbst wahr geworden ist, weshalb er "To Dream The Impossible Dream" aus "The Man of La Mancha" besonders inbrünstig intoniert. Die Kesslers singen und tanzen Brecht / Weill, die herzzerreißend politisch Unkorrekten. Sie nehmen Haltung an als Anna I und Anna II aus den "Sieben Todsünden", spreizen und kreuzen die Beine auf den Punkt beim "Barbara-Song", wenn's da heißt, "Ja, da muss man sich doch einfach hinlegen". Großartig. Und dann schürt noch das ganze Gärtnerplatz-Ensemble die Sehnsucht nach dem echten, dem Live-Theater, denn: "There's no Business Like Show Business". Lang müssen wir nicht mehr warten.

© SZ vom 13.06.2020

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