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Kurzkritik:Bach-Bonbons

"Departures" in der Muffathalle: Daniel Léveillés "Solitudes Solo"

Von Eva-Elisabeth Fischer

Johann Sebastian Bachs Instrumentalwerk verträgt keinen Zierrat. Es diszipliniert jeden Choreografen - auch Daniel Léveillé, der das dank seiner bewusst reduzierten, klaren Bewegungssprache gar nicht nötig hat. Für seine Folge von sechs Tanzsoli reicht ihm die leere Bühne mit einem Schwingbodengeviert darauf. Das verstärkt die Schritte nackter Tänzerfüße zu Stampfgeräuschen - besonders bei den Sprüngen. Diese setzen die knalligen, der Musik zuwider laufenden Akzente und konterkarieren die strenge musikalische Form. Gleiches leistet das wiederholte Aus-der-Balance-Fallen der Tanzenden.

Der kanadische Choreograf also hält einen wach und bei der Stange mit seinen acht Jahre alten "Solitudes Solo", die Walter Heun zu seiner Gastspielreihe Departures an zwei Abenden in die Muffathalle eingeladen hat. Diese Einsamkeitstänze variieren individuell ein sorgsam beschränktes, gleichsam aus einem Baukasten gezaubertes, dabei virtuoses und körperlich extrem forderndes Bewegungsmaterial individuell in Tempo und Temperament. Es sind Bewegungsstudien voller Kraft und technischer Finesse analog zu den Variationen bei den Bach-Partiten. Deren aufregend raue, rigoros phrasierte Interpretation - die nicht genannte Einspielung stammt vermutlich von Gidon Kremer - spiegelt sich in der sportiven Auslegung klassischer Ballettfiguren von Männern in Unterwäsche wider. Eine Feier des männlichen Körpers? Nicht nur. Den Höhepunkt setzt nämlich eine barbusige Tänzerin gleich einer akrobatischen Krake zur integralen Chaconne aus der Violin-Partita 2. Die Stunde endet überraschend mit Israel "IZ" Kamakawiwo'oles Ukulele-Version von "Somewhere over the Rainbow", und einem rotflammend beleuchteten Körper. Schräg.

© SZ vom 15.10.2020

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