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100 Jahre Attentat auf Kurt Eisner:Der Freistaat Bayern hat Kurt Eisner viel zu verdanken

Kurt Eisner - der erste Ministerpräsident des Freistaats Bayern

Ein Kranz und ein Foto des Opfers an der Stelle, an der Kurt Eisner erschossen wurde.

(Foto: picture alliance/dpa)

Er war ein sanfter Revolutionär, der in seiner kurzen Regierungszeit jede Menge Modernes tat. Doch das Zerrbild, das die rechte Propaganda von Eisner zeichnete, wirkt bis heute nach.

Als Ministerpräsident Markus Söder im November beim Staatsakt zum 100. Gründungstag des Freistaats Bayern seine Ansprache hielt, war man gespannt, mit welchen Worten er an den Gründer dieses Freistaats, den der Kant'schen Moralphilosophie verpflichteten Sozialisten Kurt Eisner, erinnern würde. Söder zelebrierte das Gedenken auf seine Weise: Er ließ den Namen Eisners einfach weg, er schwieg den Mann, der wesentlich zum Sturz der Wittelsbacher-Herrschaft beigetragen hat, mit salbungsvollen Worten tot, so als wäre die Republik vor 100 Jahren spontan vom Himmel gefallen.

Das war nicht nur kleinmütig und bar jeglichen Willens zur Wahrheit, sondern es machte zum wiederholten Male deutlich, wie schwer sich die CSU und ihre politischen Freunde damit tun, dass es ein Linker war, der den Freistaat und damit das moderne Bayern ins Leben gerufen hat. Respektabel, ja ein Zeichen von Größe wäre es gewesen, einfach die historischen Fakten zu akzeptieren - unabhängig davon, ob sie ins eigene politische Kalkül passen oder eben nicht.

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Das Zerrbild, das die rechte Propaganda in der Zeit der Revolution und danach von Eisner gezeichnet hat, wirkt bis heute nach. Eisner, der Preuße, der verlotterte Literat, der Traumtänzer, der Jude, der Volksverräter - hinter den Stereotypen des völkisch-nationalistischen Ressentiments verschwinden die demokratischen Errungenschaften, die Bayern diesem Mann verdankt, der vor genau 100 Jahren von einem Fanatiker ermordet wurde.

In Eisners kurzer Regierungszeit wurden Frauenwahlrecht, Pressefreiheit oder der Achtstundentag eingeführt, der Kirche wiederum entzog die neue Republik die Aufsicht über die Schule. Eisners Träume von der Völkerverständigung nach dem verheerenden Krieg aber zerrannen wie seine anderen, im Geiste des Humanismus entworfenen Pläne. Sie zu verwirklichen, blieb ihm keine Zeit, ohnehin stand er auf verlorenem Posten: Da waren die Linken, denen er nicht radikal genug war, und da waren die Rechten, die alles, was nach Sozialismus roch, als Teufelszeug ansahen.

Immerhin, München ehrt Eisner mit zwei Denkmälern. Noch wichtiger wäre vielleicht, im Alltag so miteinander umzugehen, wie es Eisner, der behutsame Revolutionär, formuliert hat: "Jedes Menschenleben soll heilig sein."